Falschanzeige Vergewaltigung: mit der Lüge leben

 

Wer hier schon länger mitliest oder mir bei Twitter folgt, der hat vielleicht mitbekommen, dass uns die letzten Jahre etwas verfolgte, was ich unter dem Hashtag #Damokles verschlagwortete. 3,5 Jahre ist es her, dass eine Anzeige gegen meinen Mann bei der Kripo einging: angeblich habe er seine Ex-Freundin (die Mutter seines ersten Kindes), 3-fach vergewaltigt. Aber eigentlich begann die Geschichte schon viel früher.

Vor 6 Jahren, 2010, da waren der Mann und ich noch nicht zusammen, als er mit mit leuchtenden Augen erzählte, er werde Vater. Ich lachte, umarmte meinen besten Freund und freute mich sehr für ihn. Die Mutter des Kindes kannte ich nicht, der Mann und ich hatten uns eine längere Zeit aus den Augen verloren, aber ich freute mich so sehr für ihn, denn eine Familie, dass war es, was er sich immer gewünscht hatte. Ein halbes Jahr später war nichts mehr so wie an diesem einen Tag. Ein Jahr später kamen wir zusammen, in der Zwischenzeit war viel passiert.

Mein Mann war Vater geworden, Vater eines wunderhübschen kleinen Mädchens. Als der positive Test vorlag, war er überrascht (sie waren noch nicht lang zusammen und es war kein Baby geplant), aber er freute sich und kaufte der Mutter einen Verlobungsring. Die junge Frau (und jung war sie tatsächlich) hatte jedoch andere Pläne. Sie zog mit ihm zusammen und verschwand, als sie im vierten Monat schwanger war. Nicht, ohne vorher das gemeinsame Konto zu leeren und sein Auto mitzunehmen. Dieses bekam er zwar wieder, jedoch stellte sie es einfach irgendwo in unserer Stadt ab und überließ es ihm und unseren Freunden, das Fahrzeug zu suchen. Einige Zeit später schrieb sie ihn an und forderte Unterhalt für sich, denn schließlich sei sie schwanger und könne nicht arbeiten gehen. Mein Mann antwortete, Unterhalt könne sie gern bekommen, in der dafür vorgesehenden Zeit, und das sei eben nicht im vierten Monat. Und damit nahm die Geschichte ihren Lauf.

Bald kam Post vom zuständigen Jugendamt, er möge doch bitte die Vaterschaft anerkennen. Dem Brief lag eine Tabelle über den zu zahlenden Unterhalt für seine Tochter sowie für die Mutter des Kindes bei. Mein Mann kannte die Vaterschaft an und zahlte den von ihm geforderten Betrag. Monat um Monat in der Hoffnung, er dürfe sein Kind sehen. Anfangs kam es noch zu einigen Besuchen. Doch bald verweigerte die Mutter jegliche Besuche und drohte obendrein, wenn er aufhöre zu zahlen, werde er seine Tochter niemals kennenlernen. Mein Mann – ein Ritter, wenn auch ein naiver – schluckte, litt, hoffte und zahlte weiter. Es gab ein Vermittlungsgespräch beim Jugendamt, das von mäßigem Erfolg gekrönt war. Sofern die Mutter guter Laune und in Stimmung war, waren Besuche möglich. Sie war selten in Stimmung. Dann kamen der Mann und ich zusammen und bei einem der seltenen Besuche, welche durch die junge Mutter möglich gemacht wurden, nahm er mich mit und ich lernte sie und das Kind kennen. Die Stimmung wurde gelöster, wir Frauen hielten lose (sehr lose) Kontakt und die Besuche wurden mehr. Nicht häufig, nicht regelmäßig, aber weit mehr als vorher. Bei jedem der spärlichen Treffen versprach sie erneut, sich endlich um die Zustimmung der Anerkennung zu kümmern. (Dazu muss man wissen, dass zwar der Vater die Vaterschaft anerkennen kann, diese Anerkennung jedoch nicht rechtsgültig ist, solange die Mutter dieser Anerkennung nicht auch zustimmt – zumindest habe ich das so verstanden. Die Expartnerin meines Mannes gab jedoch diese Zustimmung nicht und somit hatte mein Mann zu diesem Zeitpunkt keine rechtliche Handhabe und konnte kein Besuchsrecht einklagen.)

Dachten wir zunächst, endlich einen Durchbruch erlangt zu haben, wurden unsere Hoffnungen bald enttäuscht und die Besuche schwieriger, bis sie nahezu unmöglich waren. Fest abgemachte Termine wurden plötzlich abgesagt, mal sei das Kind krank, dann habe sie schlecht geschlafen, dann sei das Kind nicht gut drauf. „Plötzlich“ bedeutet in dem Fall, 120 – 30 Minuten vor der abgemachten Uhrzeit, wobei wir einen Anfahrtsweg von über zwei Stunden hatten. Wir waren bestenfalls also gerade erst losgefahren, schlimmstenfalls schon beinahe vor ihrer Tür – einmal bekamen wir tatsächlich keine Absage und standen vor verschlossener Türe. Aus einer Vorahnung heraus fuhr der Mann zu ihren Eltern, wo sie uns dann unwillig und „ach, hab ich das nicht gesagt?“ fragend die Tür öffnete. Als wir die Nase gestrichen voll hatten, gingen wir zum Jugendamt, wo wir – surprise surprise – erfuhren, dass mein Mann gar nicht als Vater eingetragen sei. Jaha, die Anerkennung, die läge wohl vor, allein, die Zustimmung der Mutter fehle ja, da könne man leider nichts für uns tun, schönen Tag noch, auf Wiedersehen. Mein Mann zahlte also schon seit über einem Jahr Unterhalt für ein Kind, was jedoch rechtlich gesehen gar nicht seines war – dem Jugendamt war dies jedoch herzlich egal, die waren vermutlich froh, nicht selbst für das Kind aufkommen zu müssen. (Ich gestehe, rechtlich kenne ich mich damit nicht aus, er hat das Geld jedenfalls nie wieder gesehen, was vermutlich aber auch daran liegt, dass er es nicht versucht hat. Aus schierem Kraftmangel, aber dazu später mehr.) Hieß es im ersten Jahr noch „zahl, oder du wirst sie niemals sehen“, hielt uns die Mutter im zweiten Jahr hin – ja, sie werde die Zustimmung geben, sie sähe ja auch ein, dass das wichtig sei, sie würde gern mal ein Wochenende zu uns kommen, vielleicht könne die Kleine ja auch mal auf Dauer ein Wochenende bei uns bleiben, dazu müssten sich Vater und Tochter ja auch kennen lernen und ihr sei das auch wichtig.

Allerdings kam es dazu nicht. Natürlich wirkte sich dieses Hin und Her auf meinen Mann und damit auch auf unsere Beziehung aus. Die Nerven wurden dünn und dünner, wir stritten uns häufiger und kamen schlussendlich zu dem Ergebnis: entweder, es tut sich was, oder unsere Beziehung geht den Bach runter. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und fragte die Mutter des Kindes ganz direkt, wann sie denn nun endlich der Vaterschaftsanerkennung zustimmen werde. Die Antwort war ernüchternd: niemals. Sie habe überhaupt niemals vorgehabt, die Zustimmung zu geben, sie könne auf ihn in ihrem Leben gut verzichten und überhaupt, er kümmere sich ja auch gar nicht um seine Tochter. Auf Nachfragen, wie sie sich das vorstelle, wenn sie nicht ans Telefon gehe, wenn er anriefe und Besuche oder andere Kontaktaufnahmen von ihr auf jede erdenkliche Art blockiert würden, bekam ich schnippische, streitlustige Antworten. Mein Mann bekam in rascher Folge zwei Nervenzusammenbrüche. Er litt unter schweren Depressionen und hatte Schlafstörungen, musste Medikamente nehmen und war lange Zeit krankgeschrieben. Als er wieder gesund war, verweigerte die Firma ihm eine Wiedereingliederung und stellte ihn vor die Wahl, entweder zu kündigen, oder sofort wieder Vollzeit in einer anderen Stadt eingesetzt zu werden. Rausgerissen werden aus dem sozialen Umfeld, weg von seinen Freunden und nicht zuletzt von mir, kam für meinen Mann nicht in Frage und so kündigte er bei der Firma, bei der er gelernt und insgesamt sieben Jahre lang gearbeitet hatte. Ich studierte, ging nebenbei arbeiten und er fand glücklicherweise rasch eine neue Stelle.

Seine Tochter jedoch, die sah er nie wieder. Wir diskutierten alle Möglichkeiten, letzten Endes ergab sich für ihn jedoch nur eine annehmbare Lösung – das Zurückziehen der Vaterschaftsanerkennung und somit legales Beenden der Unterhaltszahlungen. Vermutlich hätten wir kämpfen können, aber dazu reichte seine Kraft nicht. Ich war nicht damit einverstanden, bat ihn, sich das ganz genau zu überlegen, ich wollte lieber Alimente zahlen und das Mädchen nicht sehen, aber eben irgendwann vielleicht doch noch eine Chance haben, aber er konnte das nicht. Mein Mann sah mich an, mit nachtschwarzen Augenringen aus einem müden ausgezehrten Gesicht und erklärte, er könne das nicht. Er könne nicht Monat für Monat Geld überweisen und immer dem Goodwill einer Frau ausgesetzt sein, in der Hoffnung, dass er sein Mädchen doch noch sehen dürfe. Dann lieber einen Schnitt machen, das Brenneisen ansetzen und die Wunde vernarben lassen. Ausbrennen. Und ich verstand ihn. Letzten Endes war es eine Entscheidung für seine geistige Gesundheit und ja, auch für unsere eigene geplante Familie. Es war hart, aber wir schafften es. Er kämpfte sich zurück, unsere Beziehung hielt, wir heirateten im August 2012. Im Februar 2013 kündigte sich unser Kind an und wir waren überglücklich. Sicher dachten wir ab und an an die Halbschwester, die unser Sohn wohl nicht kennenlernen wird, aber der Gedanke war irgendwann ein dumpfes Pochen geworden und somit aushaltbar. Hier könnte eine sehr traurige Geschichte enden, eine Geschichte, wie es sie wohl Hunderte geben wird. Leider ist hier nicht das Ende.

Am 26. Februar 2013, wir waren genau ein halbes Jahr verheiratet, kam Post von der Kriminalpolizei heraus. Ich wunderte mich, was das wohl zu bedeuten habe, und fiel beinahe um, als mein Mann den Brief öffnete. Die Mutter seiner Tochter, seine Exfreundin, hatte ihn wegen dreimaliger Vergewaltigung angezeigt. Er möge unverzüglich auf der Wache erscheinen und eine Aussage machen. Unsere Welt brach zusammen. Was solche Lügen für Auswirkungen haben, man weiß es nicht, ehe man es nicht selbst erlebt hat, und ich wünsche es niemandem. Es war schlimm. Unbegreiflich. Wir hatten Glück, in unserer Naivität rief ich am nächsten Tag die zuständige Wache an und bat um eine Verschiebung des Termins, da mein Mann arbeite. Möglichst vorziehen wollte ich ihn sogar noch, wir dachten gar nicht daran, dass er einen Anwalt brauchen würde, schließlich war er unschuldig. So blockiert und in Trance war ich, waren wir, dass es reines Glück war, dass der Sachbeamte erst Anfang nächster Woche Zeit haben würde. Nachmittags ging mir auf, wie knapp das gewesen war und wir machten sofort einen Termin bei der Anwältin, die ihn auch schon in der Vaterschaftssache vertreten hatte.

Diese riet ihm, auf keinen Fall auf der Kriminalwache zu erscheinen, sondern sein Recht auf Aussageverweigerung in Anspruch zu nehmen. Stattdessen wollte sie erst einmal Akteneinsicht fordern und sehen, was ihm überhaupt genau zur Last gelegt werde. Die Sache zog sich, wir mussten irgendwie unseren Alltag weiterleben, die Schwangerschaft schritt voran und ich verdrängte den Gedanken an die Anzeige, ich musste an unser Kind denken. Als die Akte da war und wir schwarz auf weiß lesen konnte, was seine Ex sich ausgedacht hatte, wurde mir schlecht. Ich kann und möchte das hier nicht rekonstruieren, ich ging nach dem Lesen ihrer „Aussage“ schnellstmöglich duschen, weil ich mich dreckig fühlte. Ich glaube zu keiner Sekunde, dass ihre Behauptungen wahr sein könnten, ich kenne diesen Mann schon sehr lange, er ist seit Anbeginn unserer Freundschaft mein bester Freund und ich wusste, dass sie gelogen hat. Aber es belastete unsere Ehe. Er hatte Angst, dass ich ihn verlassen würde, dass sich die Geschichte wiederholen würde und er sein Kind abermals nicht aufwachsen sehen dürfe. Er hatte unglaubliche Angst, etwas falsch zu machen, litt unter schwerer Verlustangst, wusste nicht, wie er mich behandeln sollte. Er wollte nicht zu dominant auftreten, nicht ansatzweise agressiv wirken, hatte Angst, mich zu bedrängen. Unser Sexualleben litt sehr darunter, da er ständig die Anklage vor Augen hatte. Ich hingegen litt unter Verlustängsten, spielte den Worst Case wieder und wieder durch, googelte mir die Finger wund und verlor mein Gottvertrauen. Wir verloren viel – Nerven, Zeit, Geld, nicht zuletzt Vertrauen. Nicht ineinander, aber das Vertrauen in andere Menschen. Und letzten Endes stand dann dennoch mehrfach unsere Ehe auf dem Spiel, einfach, weil es uns eben doch sehr belastete. Unsere Freunde waren großartig und hielten uneingeschränkt zu uns. Das ungeborene Kind in meinem Bauch bekam den Stress natürlich auch mit und so war es nicht weiter verwunderlich, dass der Kleine im Oktober mit einem ganzen Schwall grünem Fruchtwasser auf die Welt kam und die erste Zeit auch überwiegend schrie. Mir war auch nach Schreien zu Mute, aber ich konnte nicht, durfte nicht, denn durch all diesen Stress, die Zweifel, die Empörung und Verzweifelung begleitete uns noch mehr: die Angst, dass „das“ herauskam. Der Mann hatte gerade eine neue Stelle angetreten, wir bekamen unser erstes Kind, er war noch in der Probezeit – was würde passieren, wenn der Chef Wind von der Sache bekäme? Ein Kündigungsgrund muss da nicht gesucht werden, der Verdachtsmoment reicht aus. Und so schwiegen wir, schwieg ich, obwohl alles in mir danach schrie, zu schreiben, zu bloggen, mich auszutauschen und damit zu verarbeiten. Die Sache zog sich über Jahre dahin, denn immer wieder wurden Termine verschoben. All das machte uns mürbe – bei jedem neuen offiziellen Brief gerieten wir in Panik. Nur, um dann Wochen später wieder in der Schwebe zu hängen, da der anberaumte Verhandlungstermin wieder auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Das hieß,  weiter warten, weiter hoffen, weiter schweigen.

Unsere Freunde, natürlich, die wussten Bescheid. Immer wieder versuchte man, uns zu beruhigen. Es wird alles gut, ihr habt das Recht auf eurer Seite, das ist doch verrückt, sie lügt doch, wer sie kennt, der weiß das auch. Nicht zuletzt auch: ihr habt doch Gott auf eurer Seite. All das beruhigte mich kein Stück. Für die Schwere der Vorwürfe gibt es im Ernstfall 3 – 15 Jahre, ohne Chance auf Bewährung. Der Worst Case war also ein Schuldspruch, womit mein Mann in Haft gehen würde und ich auf unabsehbare Zeit Alleinerziehende geworden wäre. Ohne Mann, ohne meinen Partner an meiner Seite, das Kind ohne Vater und wir ohne Einkommen. Unsere Existenz, so wie wir sie uns allen Widrigkeiten zum Trotz aufgebaut haben, wäre dahin. Gescheitert durch die willentliche Lüge einer Frau, die sich dabei wer weiß was gedacht hat. Die Auswirkungen dieser Geschichte sind weitreichend. Mein Mann erlitt Depressionen, 2 Nervenzusammenbrüche, einen Burn Out, litt unter schweren Verlustängsten. Er war anfangs extrem unsicher im Umgang mit seinem Sohn, hatte Angst, wusste nicht, wie er mit mir umgehen konnte, hatte zahlreiche schlaflose Nächte und eine Magenschleimhautentzündung. Ich habe stressbedingt eine chronische Blasenentzündung, dauerhafte Spannungskopfschmerzen, klammere mich sehr an das Kind und habe Existenzängste. Darüber hinaus leide ich unter Schlafstörungen, (seltenen) Panikattacken und depressiven Schüben.

Fälle wie dieser passieren nicht nur Kachelmann und Co. Und oft herrscht im Gericht bei Sexualdelikten Sympathie mit dem Kläger, in den meisten Fällen eine Frau, die angibt, ihr sei Gewalt angetan worden. Die mutmaßlichen Täter werden schnell vorverurteilt. Wir hatten „Glück im Unglück“: zwar verstrickte sich die Expartnerin vor Gericht nicht in Widersprüche, aber die Geschichte, die sie erzählte, war einerseits so plakativ gestaltet, dass das Gutachten für uns sprach, andererseits versuchte sie noch im Gerichtssaal, der Sache die Krone aufzusetzen und beschuldigte meinen Mann, er habe sie mehrfach gewürgt, bis entsprechende Male zu sehen seien. Die Vorwürfe wurden so abstrus, dass das Gericht schnell durchschaute, dass sie log. Noch immer wissen wir nicht, warum sie das alles behauptet hat. Aber wir haben schwarz auf weiß, dass sie gelogen hat, wir haben einen Freispruch. Immerhin das. Nur die verlorenen 3,5 Jahre, die Nerven, das Geld, all das gibt uns niemand wieder.

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