Freital

 

Normalerweise halte ich mich von politischen Posts fern. Das hat einen Grund, Politik liegt mir nicht, Politik fand ich schon in der Schule verwirrend. In der Uni war der Wahlkampf der verschiedenen Parteien einfach nur anstrengend und störend. Undurchsichtig, voller Lügen, machtgierig – so kommt mir Politik vor. Dennoch gehe ich wählen. Natürlich gehe ich wählen, das sehe ich pragmatisch – wer nicht wählt, darf hinterher nicht jammern. Dennoch erschrak ich ziemlich, als ich die letzten Wahlergebnisse sah – allein in unserem beschaulichen Stadtviertel haben rund zehn Prozent AFD gewählt. Zehn Prozent – Mathe liegt mir ebensowenig wie Politik, aber das weiß ich, zehn Prozent sind verdammt viel.

Noch mehr erschrecke ich, wenn ich nach Freital blicke. Freital, das ist ein beschaulicher kleiner Ort mit etwa 40000 Einwohnern in der Nähe von Dresden. Freital, das ist dort, wo mein Mann sein Abi gemacht hat. Freital, dort wohnen die Großeltern und die Urgroßeltern unseres Kindes. Freital, das ist dort, wo der rechte Mob „wir wollen euch hängen sehen“ vor dem Hotel skandiert, in dem Flüchtlinge untergebracht wurden. Längst ist es nicht mehr „nur“ die NPD, die dort das Denken der Menschen beeinflussen. Die AFD mischt ebenso kräftig mit, dazu – man höre und staune – die CDU. Aus Reihen der CDU hört man Aussagen wie „Flüchtlinge sind Glücksritter, die nach Deutschland kommen, um sich ohne Gegenleistung ein sorgenfreies Leben machen zu können“. (Der Oberbürgermeister von Freital sagte dies, ich verlinke hier nichts, weil ich so einem Scheiß keinen Raum geben möchte in meinem Blog.) Das Ganze mischt sich mit Pegida, „besorgten Bürgern“ und einer Menge Mitläufern und heraus kommen Nachrichten, die mir Angst machen. Ich müsste jetzt Links raussuchen, ich habe in den letzten Tagen soviel dazu gelesen, dass mir der Kopf schwirrt. Die Rede war von brennenden Flüchtlingsheimen, von Gegendemonstranten, die gezielt von Nazis abgefangen und bedroht wurden, von Autos, die von Rechtsradikalen mit Baseballschlägern angegriffen wurden. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinsehen soll und ich finde keine Worte, die meinen Ekel auch nur annähernd ausdrücken. Wie schrecklich muss das erst für die Flüchtlinge sein, wenn schon ich so weit weg Angst bekomme?

Wie soll man da reagieren? Ein Freund von uns engagiert sich sehr stark gegen rechts. Zum Dank wurde er von Nazis auf einen mehrtägigen „Ausflug“ mitgenommen und deren Gastfreundschaft war wohl nicht sehr freundlich. Er macht dennoch weiter, was ich sehr bewundere. Freunde von uns wir können sich nicht mehr aktiv engagieren, da sie wir um die Sicherheit ihrer unserer Kinder fürchten müssten. Aber was ist, wenn sich merkwürdige Meinungsäußerungen aus den engsten Kreisen häufen, was macht man dann? Man benötigt nicht viel Phantasie, wenn sich jemand als Pegidafan outet. Was dann? Man meidet Telefonate, aus Angst, etwas zu hören, was man nicht hören will. Man behandelt nur noch oberflächliche Themen, betreibt SmallTalk. Als es meinem Mann zuviel wurde, kündigte er an, sein FBProfil zu löschen. Es entspann sich eine Diskussion über die Vorfälle in Freital, in deren Verlauf ihm vorgeworfen wurde, er habe sich sehr verändert. Früher sei ihm das alles mehr am Arsch vorbei gegangen. Im Klartext: hab dich nicht so, schau doch weg, wenn es dir nicht passt.

Aber wegschauen geht nicht. Nicht, wenn man einigermaßen Menschenverstand im Kopf hat. Nicht, wenn einem das eben NICHT am Arsch vorbei geht. Nicht, wenn man – wie wir – Nachwuchs hat, den man zu einem weltoffenen, toleranten Menschen erziehen will. Die Postkartenaktion ist toll. Dennoch, das nagende Gefühl bleibt.

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