„Läuft er denn schon?“

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Das Kind ist jetzt etwas über 19 Monate alt und wann immer wir mit den weiter entfernt wohnenden Verwandten telefonieren, kommt unweigerlich die eine Frage, sobald die Sprache auf unser Kind kommt: läuft er denn schon?

Auch der Mann ist genervt:

Es ist ja nichts neues für uns – er robbte „erst“ mit 9 Monaten, saß einen Tag nach seinem ersten Geburtstag zum ersten Mal frei und krabbelte zwei Wochen später.

Das Kind ist ein Sicherheitsfan – er übt alle motorischen Fortschritte zunächst einmal in unserem Bett. Sitzen und krabbeln tut im Bett nämlich nicht weh, wenn man da umkippt. Als er auf der Matratze frei stehen konnte, stellte er sich auf den Bettrahmen unseres Floorbeds und übte dort. Mehrfach ließ er sich kichernd nach vorn fallen. Jetzt steht er überall, hat jedoch oft die Hand irgendwo, um sich zu stützen. Am Tisch, am Stuhlbein, an mir…

Und mit jedem Schritt, den er meisterte, freuten wir uns mit ihm. Wieder ein Stück Freiheit, ein Stück gewonnenes Selbstbewusstsein, ein Stück Stärke.

Und mit jedem Schritt, den er meisterte, änderten sich die Fragen jener, die ihn länger nicht sahen.

 

Robbt er schon?

Sitzt er schon?

Krabbelt er schon?

Steht er schon?

Läuft er schon?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich weiß nicht, was schlimmer ist – die Fragen oder der Nachsatz, der unweigerlich auf unsere Antwort folgt und in dem immer – IMMER!!! – unterschwellig Mitleid mitschwingt: „Ach, das wird schon noch. Haben wir ja alle irgendwann gelernt.“

ES. NERVT. SO. SEHR!

Mal ehrlich, hängt das Glück eines Kindes davon ab, ob es laufen kann? Mal angenommen, er säße im Rollstuhl, wäre er dann nicht glücklich? (Und ja, mir ist bewusst, dass das ein krasses Beispiel ist.)

Niemand fragt uns zum Beispiel, ob er schon isst. (Tut er seit 14 Monaten mit wachsender Begeisterung.)

Und niemand fragt uns, ob er schon spricht. (Er sprach mit 8 Monaten gezielt seine ersten Worte. Mit 15 Monaten hörten wir den ersten 3-Wort-Satz („Papa Ball da“). Mittlerweile kann er Höflichkeitsregeln („Meh Mis ditte“ – Mehr Milch bitte) und spricht in grammatikalisch korrekten 4-Wort-Sätzen, wenn man Babyzeichen dazu nimmt („Papa? *zeichen für wo* *zeichen für mein* Ball?“)

Niemand fragt uns, ob er sich allein anzieht. (Oberteile und Mützen gehen fast wie von selbst, Strumpfhosen und Hosen zieht er allein hoch.)

Niemand fragt, ob er im Haushalt hilft. (Er räumt die Spülmaschine/Waschmaschine/den Trockner aus, decckt den Tisch, gießt die Blumen, fegt den Boden, wischt den Tisch ab und füttert die Katze – alles freiwillig natürlich.)

Und niemand fragt, ob er schon trocken sei. Glücklicherweise, denn ich habe trotz windelfrei-Zertifikat nicht so rechte Lust, mich mit der Generation „Babys können ihren Schließmuskel nicht kontrollieren“ darüber zu streiten, dass sie unrecht haben.

 

Alles, was zählt, ist scheinbar, dass ein Kind laufen kann. Wie war das mit „jedes Kind hat seinen eigenen Zeitplan“? Und warum wird mir das eigentlich immer recht mitleidig gesagt, wenn man sich daran erinnert?

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