Ich bin die Expertin. Nämlich.

Kurz vor Silvester drehte sich meine Timeline plötzlich um Mütter und Töchter. Teilweise schwierige Konstellationen tauchten auf, mehr oder weniger fest eingefahrene Denkweisen, Generationenkonflikte bezüglich der eigenen Kindererziehung und der Vorstellung der (Groß)Eltern. Und in mir keimte der Wunsch auf, die eigene, ebenfalls komplizierte Beziehung zu meiner Mutter zu klären.

Denn je älter die kleine F(l)edermaus wurde, desto mehr beschlich mich das Gefühl, meine Mutter interessiere sich nicht für ihr Enkelkind. Eine kleine Stimme flüsterte: „Wozu auch? Sie hat ja noch 10 weitere!“ Und je mehr ich darüber nachdachte, desto geneigter war ich, dieser Stimme zu glauben. Immerhin telefonierten wir selten, wenn wir mal miteinander sprachen, war fast immer ich es, die anrief und generell fragte sie dann nicht nach dem Kind. Auch auf Familienfeiern (die wir spärlich besuchten), nahm sie selten Kontakt zu dem Kleinen auf. Statt dessen hatte ich das Gefühl, sie nähme uns noch immer übel, dass wir die ersten zwei Wochen nach der Geburt ausschließlich für uns haben wollten und uns jeglichen Besuch (nicht nur von ihr, sondern generell) verbaten. Und auf den Familienfeiern schien sie darauf zu warten, dass wir ihr das Kind in den Arm legten, was wir jedoch nicht taten. Wir handelten halt so, wie wir es für unser Kind immer taten – kein Fremder bekam ihn auf den Arm. Nun ist meine Mutter ja im familiären Sinne kein Fremder für das Kind, sondern die Oma – im eigentlichen Sinne ist/war sie es aber eben doch, denn wir sehen uns wirklich sehr selten. So selten, dass sie ihm eben nicht bekannt war. Tatsächlich war es sogar so, dass auch Freunde ihn nicht auf den Arm bekamen, eben, weil er es absolut nicht leiden konnte – aber das wusste meine Mutter nunmal nicht, wir sprachen ja auch nie darüber.

Und letztlich brach uns dieses „nicht miteinander sprechen“ fast das Genick. Dann kam, wie bereits erwähnt, dieser Abend kurz vor Silvester. Um Silvester rum muss ich immer an meinen Papa denken, der eine Lieblingsgeschichte hatte, wenn es um Kommunikation ging. Kennen Sie die Geschichte mit dem Hammer? Ein Mann möchte ein Bild aufhängen, oder etwas reparieren? Keine Ahnung, jedenfalls benötigt er einen Hammer dazu. Leider besitzt er jedoch keinen Hammer, und so beschließt er, zu seinem Nachbarn zu gehen und sich einen Hammer zu leihen. Auf dem Weg zum Nachbarn beschleichen ihn aber Zweifel – der Nachbar, der habe ihn gestern schließlich komisch angesehen. Und heute morgen, da habe er ihn nicht mal gegrüßt. Und letzte Woche auch und überhaupt werde der Nachbar ihm seinen Hamemr sicher nicht leihen, der habe ihn ja noch nie leiden können. Als er beim Nachbarn ankommt, klingelt er quasi Sturm und kaum macht dieser auf, ruft der Mann ihm wutentbrannt entgegen: „Dann behalten sie eben ihren scheiß Hammer, sie Armleuchter!“ – naja, oder so ähnlich, der genaue Wortlaut ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass der Mann seinem Nachbarn etwas vorwarf, was der so vermutlich gar nicht gedacht hatte.

Mich belastete das schon eine ganze Weile, denn egal, wie kompliziert es manchmal zwischen meiner Mutter und mir ist, das Kind hat schließlich ne Oma und ich möchte nicht, dass er ohne sie aufwächst. Entsprechend nahm ich allen Mut zusammen, schluckte mein Herzklopfen runter und schrieb ihr eine SMS, ob wir nicht mal telefonieren könnten. Ich wollte ein Gespräch von Mutter zu (Groß)Mutter. Am Ende sprachen wir über eine Stunde miteinander und konnten viele Dinge klären. Es kamen viele ungesagte Sachen zur Sprache, von beiden Seiten. Mögliche Verletzungen wurden vorsichtig abgeklärt, künftige dadurch hoffentlich vermieden, Missverständnisse aufgeklärt. Und natürlich kam da auch diese mehr oder weniger typische Generationensache auf den Plan. Junge (oder in meinem Fall halt auch nicht mehr ganz so junge) Erstlingsmutter vs. erfahrene (Groß)Mutter. Wir sprachen über Themen von A wie ablegen (nein, haben wir nicht gemacht, weil er es eben nicht mochte) bis Z wie zweites Kind. („Zu dem Zeitpunkt dachte ich Kind, ihr braucht schnell ein zweites Kind, damit ihr den Jungen nicht so verwöhnt.“) Ich schmunzelte ein wenig in mich hinein. Genau diese Dinge haben wir im letzten Jahr dank unserer Filterbubble immer und immer wieder durchdacht und so konnte ich gelassen reagieren. Denn wenn ich im letzten Jahr eines gelernt habe, dann, dass wir als Eltern die Experten für unser Kind sind. Und so erklärte ich, dass nichts von dem, was wir taten oder tun werden, gegen sie und ihre Qualitäten als Mutter gerichtet seien. Es ist eben nur so, dass wir uns für einen anderen Weg entschieden haben, weil wir gemerkt haben, der Weg, den andere teilweise von uns erwarten, der passt halt nicht auf uns und unser Kind. Wir stillen, tragen, familienbetten, weil es für uns passt. Wir leben gewaltfrei, weil auch das für uns passt. Wir erziehen unser Kind nicht nach dem, was „man“ von uns erwartet (jedenfalls haben wir das nicht vor), sondern nach dem, was wir persönlich für uns wollen. Wir legen unsere Grenzen entsprechend fest. So darf unser Kind hier zum Beispiel auch auf dem Wohnzimmertisch sitzen, obwohl ich in meiner Kindheit immer wieder gehört habe „Auf den Tisch gehört der Kuchen, da hat der Popo nix zu suchen.“ Weil mich der Popo unseres Kindes auf unserem Wohnzimmertisch überhaupt nicht stört. Das heißt im übrigen nicht, dass er das woanders auch darf. Und das alles hat ja nichts damit zu tun, dass ich meiner Mutter oder meinen Schwestern (oder Ihnen da draußen) keine Kindererziehung zutraue. Nur gehen meine Verwandten eben einen Weg, den wir nicht gehen wollen. Das ist unbequem, in erster Linie für uns, wenn wir uns mit der Verwandtschaft auseinander setzen müssen, aber der Erfolg gibt uns recht. Es passt halt für uns.

Diese eine Stunde, in der wir miteinander telefonierten, die war sehr wertvoll. Für uns beide, glaube ich, denn wir konnten beide mal hinter die Fassade des anderen blicken und waren uns nah wie schon lange nicht mehr. Das war sehr schön und ich hoffe, das bleibt jetzt so. Danke Mama!

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