Alltag

„Uuuh? Uuumpf! Uuuhhh? Uuuuäää!“ erklingt es neben mir und ich richte mich schlaftrunken auf. Das Baby guckt mich im Dämmerlicht des Morgengrauens an und verzieht quäkend den Mund. Er wirft suchend den Kopf hin und her und mein müdes Hirn signalisiert: Hunger. Das Kind hat Hunger. Ich versuche, halbwegs wach zu werden und unseren Sohn zu stillen. Wir sind beide zu müde, um es auf Anhieb richtig hinzukriegen – er liegt nicht richtig, kann nicht gut andocken, quakt weiter rum. Wenn er so zappelt, kann ich ihn nicht richtig hinlegen. Ich schimpfe, dass er halt auch vernünftig trinken soll. Anfangs habe ich versucht, leise zu sein und verständnisvoll und lieb – wie man sich eine Mama halt so vorstellt. Ich wollte ja auch meinen Mann nicht wecken, der muss ja schließlich am nächsten Tag arbeiten gehen. Ich bin drüber weg – wenn mir nach Schimpfen ist, dann tu ich das nachts auch und sowohl der Prophet als auch die kleine F(l)edermaus müssen damit klar kommen. Ich bin einfach nicht geduldig, wenn ich müde bin und es hat keinen Zweck, mir da was vorzumachen. Der Prophet überhört das meistens und mein Sohn liebt mich deswegen nicht weniger. Der Kleine schafft es endlich, richtig anzudocken und ich angel nebenbei nach meinem eReader, um einen Blick auf die Uhr zu werfen. Es ist halb fünf. Wir schlafen wohl beide wieder ein und ich überhöre den Wecker. Als ich wieder wach werde, ist es viertel nach sieben. Immer noch müde stille ich das schon wieder hungrige Baby, während der Prophet frisch geduscht Nachrichten guckt. Kaffee. Ich brauche Kaffee. Das morgendliche Wickeln übernimmt der Mann, ich krame Währenddessen die größte Tasse raus, die unser Schrank zu bieten hat. (Eigentlich ziemlich dämlich – kleine Tassen schaffe ich wenigstens im heißen Zustand.) Während ich langsam wach werde, erzählt der Liebste mir, dass die kleine F(l)edermaus schon wieder wach war, als er um sechs aufgestanden ist. Er lag wohl zwischen uns und starrte fasziniert aus dem Fenster 😉 Als die Katze sich zu uns gesellt, klaube ich kurze Zeit später geistesabwesend eine Handvoll Fell aus der Hand der kleinen F(l)edermaus. Er hat die Katze als potentielles Kuscheltier entdeckt und versuchte heute, ihr in den Schwanz zu beißen. Ich übe mich in Gelassenheit, während ich innerlich auf meinen Nägeln kaue – unsere Katze ist eine ziemliche Diva, die nicht davor zurückschreckt, nach uns zu schlagen, wenn sie genug hat und ich verlasse mich nicht darauf, dass sie bei de Baby eine Ausnahme macht. Aber bisher ist sie beim Baby erstaunlich gelassen. Um halb 8 verlässt der Prophet das Haus und ich lege die kleine F(l)edermaus in seine Wiege. Da ich ihn nach seinem Nickerchen eh waschen und umziehen werde, übersehe ich den Schwall Milchkotze, den er mir dabei entgegen spuckt, geflissentlich. Achselzuckend wische ich ihm den Mund ab und schuckel ihn in den Schlaf. Mit einem Baby wird man nach einer Zeit ziemlich gelassen, was vollgespuckte Klamotten angeht – es gibt Tage, da habe ich das Kind bereits fünf mal und mich drei mal umgezogen, ehe es halb vier am Nachmittag ist. Als der Lütte schläft, hole ich mir noch einen Kaffee und gehe dann duschen. Frühstück ist auch noch drin, ehe das Kind gegen 9 wieder wach wird und Hunger anmeldet. Um halb zehn hat auch der Kleine fertig gegessen. Kuschelzeit! Aber schon kurze Zeit später ist die Welt viel zu spannend, um zu kuscheln. Nach einem kurzen Stop im „www“ (waschen, wickeln, wechseln der Klamotten) lege ich das Baby aufs zwischenzeitlich tatsächlich gemachte Bett und starte mit den 5 Körben Wäsche, die darauf warten, zusammengelegt zu werden. Das Baby kaut auf seiner Stoffgiraffe herum und schimpft, weil das Ding nicht so will wie er 😉 Stirnrunzelnd registriere ich, dass das Bett eigentlich schon seit Tagen dringend neu bezogen gehört. Schaffe ich das heute noch? Sonst halt morgen. Morgen ist auch noch ein Tag, jetzt erstmal den Wäscheberg bezwingen, der vor mir liegt. Es ist halb elf, als die kleine F(l)edermaus wieder müde wird. Einfach so einschlafen ist nicht, also unterbreche ich meine Hausarbeit und nehme das Baby mit ins Wohnzimmer, wo er noch einmal gestillt und dann in die Wiege gelegt wird. Da ich Händchen halten muss, bin ich an das Sofa gebunden, bis er fest eingeschlafen ist. Diese Zeit nutze ich meist, um etwas zu lesen. Im Moment einen Fantasy-Roman und ein Sachbuch über breifreie Säuglingsernährung. Ich entscheide mich für das Sachbuch und erfahre etwas über die immer wieder wechselnden offiziellen Empfehlungen, ab wann Beikost für Babys okay ist. Um 11 schläft die kleine F(l)edermaus fest. Ich überlege – noch in Ruhe einen Cappuccino trinken und noch ein Kapitel lesen? Oder lieber doch gleich die Wäsche… Der Schlafmangel gewinnt und ich fülle meinen Koffeinpegel. (Generell ist es eh so, dass ich eine Schlafphase am Tag dazu nutze, zu lesen und damit etwas für mich zu tun. Das entspannt mich sehr und eine entspannte Mama führt zu einem glücklichen Kind.) 20 Minuten später zeigt sich, dass meine Entscheidung richtig war – die kleine F(l)edermaus fängt an zu zappeln und wird unruhig. Mit sanftem Schaukeln und Shhhht Lauten begleite ich ihm wieder in den Schlaf, bevor ich mich wegschleiche – die Wäsche legt sich ja leider nicht von allein zusammen. Um halb eins wird das Baby wieder wach – Jackpot! Bis dahin habe ich die Wäsche weggeräumt, etwas gegessen und Klamotten aussortiert, die ihm zu klein geworden sind. Bis um eins liegt er in seinem Zimmer auf dem Teppich umd sieht mir zu, dann ist es höchste Zeit für eine frische Windel und einen Stillstopp! Danach lege ich die kleine F(l)edermaus in seinen Laufstall (wollte ich erst gar nicht haben, jetzt finde ich ihn total praktisch) und ziehe mir etwas straßentaugliches an. Um 15 Uhr ist Delfi, eigentlich noch reichlich Zeit, aber da der Prophet dummerweise mein Straßenbahnticket mitgenommen hat,  muss ich noch zur Bank laufen und Geld holen. Ich binde mir die Tragehilfe um und als ich den Kleinen holen will, staune ich nicht schlecht, denn das Kind liegt in der Zwischenzeit auf dem Bauch. Hat er zwar vor zwei Wochen schon einmal gemacht, aber es seither nicht wiederholt. Ich lobe ihn überschwänglich und schieße schnell ein Beweisfoto für den Papa 😉 Mit Baby vergeht die Zeit irgendwie schneller, es ist bereits 14 Uhr, als wir das Haus verlassen. Bis ich bei der Bank bin, sind wir schon ziemlich durchgeschwitzt – es sind 16º und die kleine 6,5 Kilo schwere Heizung vor meinem Bauch besorgt den Rest. In der Bahn werde ich von einer Oma mit riesiger Sonnenbrille streng beäugt, als ich dem Kind die Mütze abnehme. Hachjanun,  was soll’s 😉 Es ist zwanzig vor drei, als die kleine F(l)edermaus nochmal einschläft. Hoffentlich ist er nicht schlecht drauf, wenn er wach wird. Im Kurs erzähle ich von meinem Plan, nachts jetzt nicht mehr auf die Uhr zu sehen, wenn das Baby mich weckt. Wenn ich nicht weiß, wie spät es ist, kann ich mich auch nicht darüber aufregen. Nützt ja eh nix, er zahnt und ist nachts eben unruhig. Wenn er Hunger hat, was soll ich machen? Ihm erklären, dass es mir grad nicht passt? 😉 Mein Baby genießt die Zeit im Delfi sichtlich, wir singen, lassen die Kinder in warmen Wasser planschen und tauschen uns aus. Eine Mama erzählt von Milchstau und Entzündung und bricht in Tränen aus, als sie offen darüber nachdenkt, abzustillen. Sie wohnt etwas weiter draußen, hat keine Familie vor Ort, der Mann arbeitet und studiert nebenher. Ich glaube, sie fühlt sich ziemlich einsam. Spontan biete ich ihr an, regelmäßig zu ihr zu fahren und mit ihr spazieren zu gehen oder sie sonstwie zu unterstützen. Wir wollen morgen telefonieren. Ich kenne das Gefühl – die Freunde arbeiten alle oder haben keine oder ältere Kinder, da ist man froh um jeden Kontakt zu Eltern mit Kindern im gleichen Alter. Ich freue mich darauf, sie jetzt regelmäßig zu sehen. Nach dem Delfi laufe ich zum Bahnhof, wo wir den Propheten abholen. Das Baby strahlt, als er seinen Papa sieht, wird dann aber doch von Müdigkeit überwältigt und schläft ein. Es ist halb sechs, als wir zu Hause ankommen und er wieder aufwacht. Spielzeit mit Papa! 🙂 Heute läuft der Abend etwas anders ab als sonst – in letzter Zeit haben wir erst gegessen, als die kleine F(l)edermaus schon schlief. Das wollen wir jetzt ändern, denn wie soll das Baby Interesse an Lebensmitteln entwickeln, wenn er nie sieht, was man damit anstellen kann? Glücklicherweise habe ich gestern für zwei Tage gekocht und so brauchen wir nicht lange, bis das Essen auf dem Tisch steht. Nach dem Essen macht der Prophet das Badewasser für den Kleinen fertig. Jeden Abend badet und massiert er den Lütten und leitet damit das Abendritual ein. Um 19:30 Uhr bringt er mir ein sehr sauberes und sehr müdes Baby. Zu müde, um noch etwas zu essen. Ich versuche mein Bestes, aber sobald er einen Schluck getrunken hat, fängt er an zu schreien. Wir geben Osanit (kann ja sein, dass er Schmerzen durchs Zahnen hat) und ich versuche es erneut, aber da ist nix zu machen. Da er sich auch auf meinem Arm nicht beruhigt, lege ich ihn in seine Wiege und wir machen mit dem gewohnten Ritual weiter. Beten, Einschlaflied singen und hoffen, dass er bald schläft. Das Lullaby wirkt zumindest bei uns, denn wir Eltern gähnen heftig. 😉 Die kleine F(l)edermaus dagegen beruhigt sich zwar, schließt aber mitnichten die Augen und schläft, sondern fängt an zu kichern und zu glucksen. Nach müde kommt blöd, kann man an unserem Kind bestens sehen. Um 20 Uhr schläft er dann endlich. Ich widerstehe dem Impuls, dem Nachbarn jetzt noch sein Paket zu bringen, dass der nette UPS-Fahrer heute mittag bei mir abgegeben hat. Dann müsste ich dem nämlich erklären, dass HipHop in der Lautstärke wirklich nicht mein Fall ist und ich habe keine Energie mehr, mich jetzt noch mit merkwürdigen Menschen zu streiten.  Also ignoriere ich den Lärm von nebenan und widme mich diesem Artikel. Des Kindchens Fotoalbum ruft danach, weiter gestaltet zu werden, meine Dreads bräuchten dringend frische Farbe und intensive Pflege und auch die Rennmäuse könnten neues Streu vertragen. Zu wenig Energie. Stattdessen kuschel ich mich an meinen Mann – so eine Paarbeziehung will neben Kind, Haushalt, Job und Hobby ja schließlich auch gepflegt werden. Bis der Kleine wieder wach wird, haben wir rund 2,5 Stunden. Heute eher weniger, ich vermute, Die kleine F(l)edermaus wird gegen spätestens 22 Uhr wach werden, weil er Hunger hat. Dann wickelt der Prophet ihn nochmal und räumt die Küche auf, während ich mit dem Baby schon im Bett bin und ihn stille. Mit Glück schläft er dabei zuverlässig wieder ein und wir haben Feierabend – bis er mich zum nächsten Stillen wieder weckt. (Aus der Reihe: „Wenn ich es schon nie pünktlich zum Tagebuchbloggen am 5. schaffe, langweile ich euch eben jetzt mit banalem Alltagskram“)

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