Geburtsbericht: „Schatz, das Nächste wird ein Hund!!!“

Pünktlich am 22.10. kam unser Nachwuchs wie geplant im Geburtshaus zur Welt. So langsam finden wir uns zurecht und bevor ich alles vergessen habe, schreibe ich besser jetzt den Geburtsbericht 🙂

Achtung: ich hatte keine Schmerzmittel und dementsprechend war die Geburt nicht ganz schmerzfrei. Wer deutliche Beschreibungen von Schmerz und/oder Worte wie Blut, Schleim etc nicht ab kann, der lese besser nicht weiter. Für euch gibt’s hier die Kurzfassung:

gevögelt, Spaß gehabt, schwanger geworden, problemlose Schwangerschaft gehabt, Wehen, *flutsch*, Kind da 😉

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Ich fing schon ein paar Tage vorher an, mir Notizen zu machen und hatte unter der Geburt tatsächlich noch Nerven, den Propheten bei jedem Meilenstein zu sagen „schreib das auf! Mit Uhrzeit!“, von daher wird das ein längerer Artikel.

17.10, ET-5: ich lackiere mir die Fußnägel quietschbunt und wundere mich ein wenig, dass das mit der Kugel überhaupt noch möglich ist. Einfach ist es nicht, aber mir ist das wichtig. Eitelkeit und so 😉 Der Prophet hat seinen letzten Arbeitstag für 2013, ab morgen beginnt der Urlaub und sobald der kleine Geist da ist, befindet er sich in Elternzeit.

// Letzte Vorsorge vor ET gehabt. Alles wie immer, bombastischer Puls, Herztöne sind super. Jetzt bummeln. Und Sushi!!! //

Wir gehen gemütlich bummeln und essen eine riesige Portion Sushi.

18.10, ET-4: die Timeline fragt sich, wo wir stecken. Wir sind einfach nur müde und schlafen viel, daher nicht online. Als sich die Vermutungen, ob wir wohl mitten in der Geburt stecken, häufen, gehe ich doch noch online:

// Ihr meintet das ernst mit dem täglichen piep? O_o ihr Hibbelhühner! :p sitze immer noch schwanger auf dem Sofa, alles gut hier //

// *lach* bin heute einfach nur sehr müde und schlafe fast den ganzen Tag. Keine Panik *kicher* #mamitimeline #hibbelhühner // 

Abends habe ich menstruationsartige Schmerzen im Schambein, die aber auf dem Pezziball gut auszuhalten sind. Sind das jetzt Wehen? Ich habe keine Ahnung. Im Geburtsvorbereitungskurs sagte man uns, Wehen erkennt ihr daran, dass der Bauch knallhart wird, aber mein Bauch ist schon seit Wochen dauerhart, daran kann ich es also nicht festmachen.

19.10, ET-3: ich hauselfe ganz viel und piepe vorsichtshalber mal in die Timeline, dass alles okay ist:

// Vier Maschinen Wäsche vom Ständer wegsortiert, Küche aufgeräumt, Bad geputzt. Der kleine Geist zeigt sich gänzlich unbeeindruckt. #dailypiep //

Nachmittags greife ich statt zu den Stricknadeln lieber zur Häkelnadel und kümmere mich um die Ansätze meiner Dreads, die schon Monate überfällig sind und bereits kräftig miteinander verfilzen. Wenn der Poltergeist da ist, komme ich vermutlich ne Weile lang nicht dazu.

20.10, ET-2: ich kann keinen Himbeerblättertee mehr sehen, trinke ihn aber trotzdem. Immerhin komme ich so ansatzweise auf die nötigen drei Liter Flüssigkeit am Tag und ich hab das Gefühl, ich tue was für die Geburt. Beschwere mich trotzdem in meiner Timeline:

// Schwangerschaftsstatus: mir hängt der Himbeerblättertee zum Hals raus. //

Mein Schwangerschaftszwilling, die allerliebste Madame Mim, rät mir, die Wehen auf „fuuuuuuuuuuck“ zu vertönen: „das klappt super und sorgt für erstaunte Blicke“ – ich sitze prustend auf dem Sofa und verspreche, es mir zu merken. (Du Liebe, ich habs ehrlich probiert, aber mehr als eine Wehe damit ging nicht *lach* Fuck und Scheiße hörte die Hebamme trotzdem zu Genüge 😉 )

Nachmittags schicke ich den Propheten allein zum Gottesdienst – mir ist nicht nach Menschen, die mir auf den Bauch gucken und fragen, ob der Lütte denn noch nicht da sei – ich mag nicht mehr im Mittelpunkt stehen, auch wenn es Freunde sind. Stattdessen stricke ich wie doof an der Babydecke, sie ist das letzte Stück, was noch auf meiner „Vor Geburt erledigen“ Liste steht. Ich hoffe inständig, dass ich es nicht mehr vorher schaffe, ich hab schlicht kein Bock mehr. Aber bisher zeigen sich keine Anzeichen, kein Schleim, keine Wehen, nix. Zwar habe ich leichten Durchfall, aber das schiebe ich mal auf ne gute Verdauung, bedingt durch die Leinsamen, die ich täglich brav esse. Das Ziehen in den Nieren nehme ich auch nicht als Wehen zur Kenntnis, da ich ja nun soviel am Tag trinke und „meine Nieren das sicher einfach nicht gewohnt sind“, wie ich dem Propheten immer wieder erkläre. Gegen 21 Uhr wird das Ziehen in der rechten Nierengegend intervallartig, aber auch da schnalle ich noch nichts – im Stehen ist der Bauch zwar hart, aber das kann ja auch wieder alles oder nichts sein. Der Prophet macht mir eine Wärmflasche – sie hilft nicht wirklich, macht es aber auch nicht schlechter.

Später am Abend ist die Katze extrem aufgedreht und total verschmust. Sie streicht durch die Wohnung und kommt immer wieder zu uns, wo sie sich auf den Rücken fallen lässt und minutenlanges Bauchkraulen einfordert – kennen wir von ihr absolut nicht, normalerweise ist sie von der divenhaften „rühr mich ja nicht an, sonst hack ich dir meine Krallen ins Gesicht!“ Fraktion.

21.10, ET-1: der Tag fängt schon richtig scheiße an und wird auch nicht besser. Beim Duschen holen wir die Halterung für den Duschkopf von der Wand, die ganze Stange kommt uns entgegen und mit ihr ein Haufen Putz, der wie Sandstrand hinterher rieselt. Der Vormieter hat die Befestigung unten mit nem Nagel im Dübel verankert, der ganze Kram ist durchgerostet und beim Versuch, den Nagel zu entfernen, um stattdessen eine Schraube eindrehen zu können, reißt der blöde Nagel ab. Der Punk, mein ehemaliger Mitbewohner und unsere Allzweckwaffe, wenn es um Heimwerken geht, ist auf Montage. Ich sehe uns schon bis zum Wochenende nicht duschen, mich mit Poltergeist im Wochenbett liegen, während der Punk am Wochenende unser Badezimmer renoviert. Wehentechnisch tut sich auch nichts, dass heißt, ich muss morgen tatsächlich zum CTG – die Aussicht nervt mich extrem und meine Laune wird richtig schlecht. Ich denke nur noch „Fick dich Welt!“ und schweige den Propheten über eine Stunde lang genervt an. Später finden wir eine Lösung, können in Ruhe duschen gehen und ich backe Kekse, um meine Laune zu retten. Whatsappe mit meiner Schwester:

// Geneeeeeeervt!!!!! Argh!!! Scheiß warten //

// dieses Lauschen auf alle möglichen Anzeichen oder eben nicht Anzeichen macht mich fertig //

Sie rät mir, nicht daran zu denken, und mich zu entspannen. Wir sollen die Zeit zu zweit nochmal genießen – klar, denke ich, ausgerechnet sie, die beim ersten Kind zu Hause nen Wehencocktail geschluckt hat, ohne dass Arzt und Hebamme davon wussten, rät mir jetzt mit all diesen doofen hohlen Phrasen zu Geduld. Schonmal NICHT an rosa Elefanten gedacht? frage ich sie und drohe scherzhaft damit, ihr als letzte Bescheid zu geben, wenn sie jetzt auch noch „Schlaf dich nochmal so richtig aus!“ auspackt. Sie lacht. Später wird sie mir sagen, dass sie genau wegen meiner miesen Laune darauf tippte, dass es bald losgehen würde – bei ihr war es genauso.

22.10, ET: Ab 2 Uhr habe ich spürbare Wehen, die aber schmerzfrei sind. Eine Stunde später gesellt sich fieses Sodbrennen dazu. So fies, dass ich nicht schlafen kann. Der Prophet döst neben mir. Um halb fünf merke ich die Wehen deutlich und sehr eklig im Unterbauch und den Nieren. Kann nicht mehr liegen und stehe auf – ich habe immer noch Sodbrennen.. In 7 Stunden bin ich mit Elke zum CTG verabredet – ob ich das noch schaffe?

4:50: Oh… Äh… also, meine Sorge wegen Stuhlgang und Presswehen hat sich dann grad erledigt. Durchfall. Da tut sich scheinbar wirklich was! Eine Viertelstunde später flachse ich via Whatsapp mit einer Freundin:

// Alles super, ich atme einfach entspannt in meine Vagina und reite am Ende mit dem kleinen Geist auf einem regenbogenpupsenden Einhorn nach Hause. Oder? ODER?? //

Solange ich noch blöde Sprüche machen kann, geht es noch. Um halb sechs wecke ich den Propheten – mir ist kalt und ich möchte baden, traue mich aber nicht mehr alleine in die Wanne. In der Badewanne werden die Wehen nicht schwächer, aber auch nicht deutlich stärker. Ich wärme mich auf.

6:44: hocke im Vierfüßler vor dem Sofa und atme. Haben Elke vor einer Viertelstunde angerufen, wir treffen uns in einer Stunde im Geburtshaus. Die Wehen kommen alle vier Minuten und bleiben jeweils auch etwa eine Minute lang.

7:30, wir kommen am Geburtshaus an. Da ich das Kopfsteinpflaster während der Wehen (alle drei Minuten) nicht ertrage, steige ich am Anfang der Straße aus dem Auto und gehe langsam zum Geburtshaus. Der Prophet hat Glück, er findet einen Parkplatz direkt vor der Tür und stellt schnell den Wagen ab. Ich gehe im Schneckentempo weiter, veratme unterwegs eine Wehe, während mich Schulkinder auf dem Fahrrad überholen. Elke ist noch nicht da und ich beschließe, dass Laufen nicht schaden kann. Also spazieren wir weiter die Straße entlang, bis Elke eintrifft.

8:30: wir sind seit einer Stunde im Geburtshaus und beratschlagen, was wir nun tun. Der Muttermund ist fingerdurchlässig, was bedeutet, dass wir noch ganz am Anfang stehen. Es fehlen noch mindestens 9 cm, bis der kleine Geist kommen darf. Das kann dauern. Ob wir nach Hause fahren wollen, fragt Elke. Die Frage ist halt, wo wir besser entspannen können und wo ich mich sicherer fühle – als mir unter einer Wehe schlecht wird und ich kotzen muss, haben wir unsere Antwort – wir bleiben da. Ab jetzt habe ich keinen Blick mehr, mir selbst Notizen zu machen, aber der Prophet denkt daran und schreibt alles auf.

etwa 10:00: ich darf in die Badewanne. Das ist so so toll!!! Ich kann mich etwas ausruhen, die Wehenpausen werden länger und die Schmerzen sind weniger stark. Ich muss trotzdem schon vertönen und wechsel lustigerweise den Vokal – was im Kurs noch am Besten auf oooooooo klappte, geht jetzt prima auf aaaaaaaaaa – Fuck ist trotzdem leider nicht drin 😉 Um zwanzig nach elf wird mir erneut schlecht – spucken muss ich zwar nicht, aber ich verlasse schleunigst die warme Wanne und gehe aufs Klo. Als ich dort Blut am Papier entdecke bin ich erleichtert – es geht voran!! Der Prophet sagt Elke Bescheid. Kurze Zeit später knie ich im Vierfüßler vor dem Bett und verliere schwallartig während jeder Wehe Blut und Schleim. (Für alle, die das schon immer wissen wollten – dat Zeug fühlt sich zäh an, wie angetrocknete Gelee/Marmelade oder diese Gummihände, die man in den 90ern an die Fenster werfen konnte.)

Die Wehen werden jetzt echt schmerzhaft. Ich wimmere, jaule und stöhne vor mich hin – der Prophet reicht immer wieder Wasser oder Cola und wischt mir mit einem nassen Waschlappen das Gesicht ab. Ich schwitze so stark, dass meine Haarfarbe dunkle Flecken in der Bettwäsche hinterlässt. Die Wehen werden immer stärker, kommen immer schneller und ich sage wahlweise Worte wie FUCK!!! SCHEISSE!!! Es tut so weh!!! oder „es zerreißt mich“. In einem klaren Moment sehe ich den Propheten an und versichere ihm: „Schatz, das nächste wird ein Hund!“ Einen Hund aus dem Tierheim zu holen ist nämlich viel einfacher und nochmal mache ich den Scheiß hier sicher nicht mit. Immer wieder wird nach den Herztönen des kleinen Geistes gesehen und ich versuche, mich nicht dagegen zu wehren. Der CTG-Knopf am Bauch ist zwar mobil, tut aber schweineweh, weil er Gegendruck erzeugt. Als ich Elke nach einer Spritze gegen die Schmerzen frage, ist sie sich sicher: die Übergangsphase hat begonnen. Bald ist der kleine Geist da! Sie holt eine zweite Hebamme dazu.

Ich soll aufstehen und hin und hergehen. Okaaaayyy….gehen geht grade noch. Als sie mir sagt, ich solle mich noch mal aufs Klo setzen, seh ich sie an, als rede sie irre – spinnt die? Mich zerreißt es hier und ich soll jetzt pinkeln gehen? Ich lasse mich dennoch überreden, es zu versuchen, aber schon während des Setzens habe ich unglaublichen Druck nach unten. Panikartig winde ich mich aus dem Griff des Propheten und der Hebamme, die mich gestützt haben und knie schneller als ich mir jetzt noch zugetraut hätte auf dem kühlen Fußboden. In der nächsten Wehenpause geht es zurück zum Bett – ich halte mich unterwegs am Waschbecken fest und beiße in das Metall. Das ist gut, mir gibt das Halt, ich habe das Gefühl, wenn ich meinen Oberkiefer in das Porzellanbecken hake, bleibt der Mund offen – und ein offener Mund oben bedeutet auch ein offener Mund unten.

Zurück am Bett soll ich mich nochmal auf den Rücken legen, damit Elke tasten kann, wie weit wir sind – 10 cm, ich darf pressen!!! Der Prophet kniet sich vor mich hin und setzt sich so, dass ich mich auf seinen Oberschenkeln abstützen kann. Ich bohre meinen Kopf in seine Schulter, er umarmt mich und gibt mir Halt – das ist gut so, er begrenzt meine Welt und das gibt mir Sicherheit. Ich kralle mich in seinen Oberschenkeln fest und habe quasi den Knochen in der Hand – blaue Flecken hat er aber keine, er sieht am nächsten Tag extra nach 😉 Der Pressdrang ist übermächtig – ich hole Luft, klinge wie ein Rennwagen bei der Formel 1 und drücke, was das Zeug hält. Mein „drrrrrrrrrrrr“ schraubt sich höher und höher, bis ich das Gefühl hab, ich schreie wirklich schrill vor mich hin – egal, das gibt mir Kraft und mir ist in diesem Moment wirklich scheißegal, wer mich dabei hört. Nach drei mal Pressen macht es *peng* und die Fruchtblase platzt. (Später verfolgt mich dieser Moment geradezu. Das Gefühl war für mich derart erleichternd! Wie ein Pickel, der spannt und drückt und endlich aufgeht. (Ach kommt, Blut, Schleim, Stuhl… da ist „Eiterpickel“ ja wohl noch harmlos *g*) „Endlich“ seufze ich glücklich und investiere noch mehr Kraft. Es ist 13:30. Ich stelle mir vor, wie ich den kleinen Geist immer weiter nach unten schiebe, Wenn ich ihn nur erstmal bis zur Nasenwurzel draußen habe, rutscht er nicht mehr zurück, rede ich mir ein und drücke. Und drücke. Und bin wahnsinnig enttäuscht, dass er eben doch zwischendurch wieder zurück in den Geburtskanal rutscht. Alles okay, das ist völlig normal, versucht Elke, mich zu beruhigen. Wenn der Kopf da ist, flutscht der Rest hinterher, meinten wir im Geburtsvorbereitungskurs, Also, so dachten wir, sind die Presswehen für den Kopf am Schlimmsten. Stimmt nicht. Zumindest bei mir nicht. Die letzte Presswehe, um die Schultern frei zu kriegen und den kleinen Geist rauszuschieben, empfand ich als die Schlimmste. Elke hält mit einem warmen Waschlappen dagegen, um eventuelle Verletzungen möglichst gering zu halten – und dieser Druck tut mir wahnsinnig weh. Irgendwann geht mir das so auf den Keks, dass ich sie ankreische, sie soll aufhören zu drücken und ihre Finger da weg nehmen. Ich entwinde mich ihr mehr oder weniger, schließlich brauche ich Platz nach unten, um den kleinen Geist rauszuschieben!

Um 13:46 erblickt unser Sohn die Welt. Moritz Jamin. Unser kleines schwarzes Glück. Ich bin fassungslos, der Prophet hat Tränen in den Augen – und unser Sohn? Schreit empört, pinkelt der Hebamme zielsicher auf die Hose und kackt erstmal ordentlich ins Handtuch. Er zeigt uns gründlich, was er von dem Auszug hält und ich kann es ihm nicht verdenken 😉

Die Untersuchung ergibt, alles super, der Kleine ist putzmunter und auch mir geht es super. Ich habe nur zwei leichte Schürfwunden an den Labien und einen winzigen Dammriss davon getragen – quasi exakt an der Sollbruchstelle, besser hätte man das auch nicht schneiden können, sagt die zweite Hebamme.

Als die Nabelschnur auspulsiert ist, schneidet der Prophet sie durch und wir dürfen auf dem Bett kuscheln. Das erste Anlegen klappt auch recht zielsicher – schon jetzt zeigt sich, was sich in der nächsten Zeit bestätigen wird; der kleine Geist ist ein Dauerlutscher und wenn er nicht an mir oder Papas Finger saugen kann, nimmt er seine eigenen Hände.

Moritz. Unser Sohn. Jetzt sind wir eine Familie <3

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