Neumontage in vier Tagen

Ich hab jetzt gute zwei Stunden meines Lebens in diesen Beitrag investiert. Sätze getippt und wieder gelöscht und neu getippt und wieder gelöscht und wieder getippt. Umformuliert und verbessert und überlegt. Und gezweifelt. Nicht an dem, von dem ich erzähle, sondern ob ich es überhaupt veröffentlichen soll. Religion und Glaube sind nun einmal Dinge, über die sich streiten lässt – es gibt deine Wahrheit und meine Wahrheit und was für mich funktioniert, kann für die einen völlig verrückt klingen und die anderen völlig unter Druck setzen. Es kostet mich Überwindung, auf „Veröffentlichen“ zu drücken, denn es macht mich angreifbar. Sehr sogar. Mehr als die meisten anderen Blogbeiträge hier, mehr als Themen wie Kinderwunsch, Erziehung, Geschichten über Mobbing oder meine Kindheit, die alles andere als rosig war. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als man sich vorstellen kann, sagt ein Sprichwort und jeder hat so seine Dämonen in seinem Leben. Meine werden mitunter wirklich und sitzen mir zum Anfassen gegenüber oder hocken in einer Tanne. Gabe der Geisterunterscheidung nennt sich das im christlichen Glauben und manchmal kann ich das eben auch, einen Blick in dieses Dazwischen werfen. Ich weiß aber eben auch, dass es genügend Menschen gibt, die mich für völlig verrückt erklären, wenn ich von Dämonen und Befreiung spreche. Menschen, die dann an den „Exorzisten“ oder „Supernatural“ denken und schon mal die Nummer der nächsten Psychoklinik googlen, nur für den Fall. Denn schließlich passiert sowas doch nur im Fernsehen und man glaubt nicht wirklich an Geister, Engel und Dämonen, oder?

Vor einer Woche kamen wir vom Festival zurück. Mein erstes Freakstock – der Prophet hat da schon Routine, programmierte er doch vor 5 Jahren schon die Mitarbeiteranmeldung und ist seitdem jedes Jahr dabei 😉

Eine Woche habe ich gebraucht, um das ganze soweit zu sortieren, dass ich es niederschreiben kann. Die Tage waren so voller Eindrücke, Menschen, Musik, Begegnungen mit Gott und nicht zuletzt Hitze, dass es mir vorkam wie in einer Parallelwelt. Wenn ich daran zurück denke, kommt mir ein Satz in den Sinn: „Neumontage in vier Tagen“, eine Wortkombination, die so treffend ist, dass sie eben auch die Überschrift zu diesem Artikel bildet.

Es ist ja nunmal so, dass ich an einen lebendigen Gott glaube, einen, der wirklich da ist, der für uns sorgt und uns hilft, Situationen zu meistern. Einen Gott, der zwar nicht alles Übel von mir fernhält, aber der dennoch wachend im Hintergrund auf mich aufpasst. Ähnlich einem Vater, der seinem Kind das Rad fahren beibringt, in vollem Wissen, dass es damit eben auch aufs Maul fallen kann und sich blutige Schrammen holen wird.

„Alles, was passiert, wird dir zum Guten dienen“, das ist das Fazit aus meinem Taufvers, an dem ich mich seit 10 Jahren immer wieder festklammer, wenn das Leben – mit Verlaub – beschissen zu mir ist. Anfang des Jahres geschah neben der Schwangerschaft noch etwas anderes in meinem, in unserem Leben, etwas, dass so ungeheuerlich war und ist, dass  man es kaum glauben kann. Immer wieder blitzt es aus mir hervor und drängt an die Oberfläche, und immer wieder setze ich mich auf meine Hände, um nichts darüber zu schreiben. Nicht, weil ich es nicht will, sondern, weil die Geschichte noch immer nicht ausgestanden ist und es unklug wäre, sie jetzt hier zu verbreiten. Frei nach dem Motto „das Gesagte kann gegen uns verwendet werden“, halte ich also schön meinen Mund und konzentriere mich auf andere Dinge in meinem Leben.

Natürlich ist das belastend. Es gibt Tage, an denen würfeln wir quasi darum, wer zum Briefkasten geht, da wir schlechte Nachrichten erwarten. Es gibt Tage, an denen ist die ganze Geschichte so weit weg, dass es einem vorkommen könnte, wie ein böser Traum und es gibt Tage, an denen wir uns einen Ruck geben und genau das ansprechen, um nicht zu vergessen. Es kostet uns Nerven, Zeit und Geld und nichts davon werden wir wohl je wiedersehen. Und es kostete mich Gottvertrauen. Das Vertrauen, dass mich seit 10 Jahren begleitet, mich Alkoholkonsum in der Familie, Mobbing in der Schule und Missbrauch in der Kindheit in einem anderen Licht sehen ließ, das Vertrauen war nun nicht da. Seit gut einem halben Jahr renne ich durch diese Welt, gehe wöchentlich zum Gottesdienst, treffe Freunde und spreche mit ihnen über Gott und die Welt und rede mir ein, dass alles in Ordnung sei.

Neumontage in vier Tagen – am Mittwoch kamen wir auf dem Freakstock an, am Donnerstag leugnete ich noch und sagte „Mir geht es gut, alles okay“, am Freitag bekam ich im Gottesdienst einen Weinkrampf, am Samstag betete ich das erste Mal seit 6 Monaten wieder ehrlich (oder besser: überhaupt) und am Sonntag war ich wie befreit und es ging mir gut. (Nun weiß ich wohl, dass das für ein paar (viele?) von euch befremdlich wirken muss, aber hey, nehmt es mal für nen Moment hin, ja? Ich könnte von Dingen erzählen, für die man mich einweisen lassen würde, Engel, Dämonen, göttlicher Einfluss, der einen kichern lässt als stünde man unter Drogen, und ja, all das selbst gesehen und erlebt – aber hey, wie gesagt, nehmt einfach für nen Moment an, dass sei alles wahr.)

Am Mittwoch kamen wir also an, trafen alte und neue Freunde, bezogen unser Zimmer, erkundeten das Gelände und lebten uns ein. Das Stock findet auf einem alten Kasernengelände statt, was insofern toll ist, dass man zwar auf nem Festival ist, aber auf Luftmatratzen verzichten kann, wenn man möchte – so war das Ganze dann auch recht schwangerenfreundlich – für die Tatsache, dass der kleine Poltergeist mir während eines Nickerchens an der frischen Luft die linke Niere abklemmte und ich mit derartigen Schmerzen aufwachte, dass ich kurzfristig an Wehen dachte, kann ja das Festival nichts 😉

Am Donnerstag besuchten wir Freunde auf ihrem Zeltplatz, lachten, quatschten, besuchten einen Gottesdienst, saßen abends noch lange bei den Freunden und hüteten ein Baby, während die Mama einen kinderfreien Abend genoss. Wir sprachen miteinander und ich sagte noch, dass sich meine Beziehung zu Gott anders gestalte jetzt – da sei keine Emotionalität mehr, kein starkes Sehnen, kein „WOW“ Gefühl, wenn ich im Gottesdienst sei. Statt dessen sei da nun das tiefe Wissen, dass Gott für mich da sei und aufpasse und mich versorge. Und ich war überzeugt davon, dass dieses emotionslose Wissen viel besser sei als das blosse Gefühl. (Ich war schon immer gut im mich selbst belügen und Dinge schön reden.)

Am Freitag brach ich weinend im Gottesdienst zusammen. Plötzlich brach alles über mich herein, das Leugnen, unsere Situation, mein Gefühle von Ohnmacht, Hass und Angst. Ich bekam keine Luft mehr, war angespannt und wollte am liebsten gehen. Es überrollte mich einfach. Der Prophet und ich sprachen noch lange darüber, war er doch ebenso aufgewühlt wie ich. Wir drehten unsere Runden übers Gelände, redeten und kotzten uns aus und waren am Ende nachts um vier endlich soweit, dass wir ins Bett gehen konnten. Verarbeitet war da noch nichts, aber zumindest war alles, was uns so belastete, ausgesprochen. Wir fühlten uns beide unendlich ausgelaugt und standen vor einem riesigen Berg, den es nun zu sortieren galt – und von dem wir beide wussten, dass wir das ohne Hilfe nicht schaffen würden. (Und spätestens jetzt würdet ihr mich für verrückt erklären, erzählte ich euch von der schwarzen Gestalt mit dem Hut, die dort lässig an einem Grashalm kauend neben uns saß und uns siegessicher angrinste. Diese Gestalt, die nicht aus Fleisch und Blut, aber dennoch real war und die die Nacht noch dunkler machte, als sie es ohnehin schon war.)

Am Samstag fühlten wir uns wie zerschlagen. Als hätten wir eine große Wunde notdürftig mit einem Pflaster abgeklebt, das nun aber wieder abgerissen worden war. Frischer Schmerz, der Mauern einriss, die ich mühsam aufgebaut hatte. Mauern, die fälschlicherweise Schutz versprachen, mich aber weder schützten, noch dienlich waren, sondern mich lediglich abschottete und in eine Einsamkeit trieb, die nicht gut war. Eine Freundin sprach von „Not-OP“, was das Ganze gut beschreibt. Wie ein gebrochener Arm, der falsch zusammen gewachsen war und noch einmal gebrochen werden muss, um richtig zu heilen. Das tut weh, ist aber notwendig, um Verwachsungen zu vermeiden. So ging es mir auch. Am Freitag wurde ich auseinander genommen, und das tat weh. Ich erkannte, dass ich Gott mitnichten vertraute. Mehr noch, dass ich ihn auf Abstand hielt, während ich mir gleichzeitig Glaube an ihn einredete und so tat, als sei alles okay. War es aber nicht. Ich übernahm Verantwortung für Dinge, die nicht in meiner Verantwortung lagen und kämpfte Kämpfe, die nicht mein Kampf waren. Kämpfe, die ich nicht gewinnen konnte. Und so verlor ich nicht nur den Kampf, sondern darüber hinaus auch mein Vertrauen und meinen Glauben. Am Samstag wurde ich wieder neu zusammengesetzt, ohne den ganzen Dreck, den ich mit mir rumschleppte. Ich löste Verbindungen, die im hier und heute schon lange nicht mehr existierten, die aber auch auf geistiger Ebene gekappt werden mussten, um eine wirkliche Trennung herbei zu führen. Bat um Verzeihung, dort wo es nötig war und gab Gott den Stellenwert wieder, den ich ihm genommen hatte. Fasste neues Vertrauen und konnte endlich endlich seit langer Zeit mal wieder befreit beten. Und merke jetzt, dass es okay ist, nichts tun zu können. Das es eben gar nicht in meiner Hand liegt, was passieren wird. Ich fasste neuen Mut und konnte abschließen. Ein befreiendes Gefühl, wenn Wut, Hass, und Zorn nicht mehr in einem toben und dich daran hindern, so zu sein, wie du eigentlich bist. Noch ist die Sache nicht ausgestanden, aber ich kann jetzt ohne negative Gefühle an die Ursache denken. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.

Categories: Stunde des Lichts