Alltagsrassismus

Am Dienstag traf ich mich mit ein paar Freunden zum Hauskreis am See. Spontan packte ich Decken und Nudelsalat ein und es war abends dann zwar schon ein wenig frisch, aber trotzdem sehr gemütlich. Ich fühlte mich sehr wohl, bis – bis wir angesprochen wurden von zwei Männern mit dunkler Haut. Einer von ihnen setzte sich zu uns und es ergab sich schnell ein Gespräch mit dem Rest der Gruppe. Derweil drehte ich mich mehr oder weniger mit dem Rücken zu ihm, ergriff die Hand meines Mannes und hielt mich daran fest. Ich sah den jungen Mann nicht an und gab mich sehr abweisend, um nicht ins Gespräch gezogen zu werden.

In meinem Kopf lief ein anderer Film ab – neun Jahre her, eine andere Location und dennoch war die Situation seltsamschlimm vertraut. Ich ging zur Uni und lernte einen scheinbar netten jungen (schwarzen) Mann kennen. Wir gingen in dieselbe christliche Studentengruppe und ich gab ihm dummerweise meine Telefonnummer und E-Mail-Adresse. Dann fing der Terror an. Egal wo ich war, er tauchte auf. Bücherei, Mensa, Computerlabor, die Studentengruppe, am Ende selbst die Bar, in der ich kellnerte. Und immer setzte er sich in meine Nähe und ließ mich nicht aus den Augen. Ignorierte ich ihn, sprach er mich. Hörte ich Musik, um ihn besser ignorieren zu können, summte er die Melodien mit. Schrie ich ihn an, er solle mich in Ruhe lassen, fragte er, warum ich ihn nicht angerufen habe. Sagte ich ihm, ich werde nie und nimmer mit ihm ausgehen, warf er mir vor, ich hätte ja nur Angst, dass er mich vergewaltigen würde, weil er schwarz sei. Das war etwas, dass mich wirklich wütend machte, ich sagte ihm schließlich nicht ab, weil er schwarz war, sondern weil er mich stalkte. Er aber drängte mich in die Rolle einer Rassistin und nutzte seine Hautfarbe schamlos aus, um mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Schließlich war ich doch die Frau, die Gott für ihn geschaffen habe, warum ich das nicht erkennen würde? Ich hatte in dieser Sache kein Mitspracherecht, er war einfach davon überzeugt. Die Geschichte war erst zu Ende, als ich mich verzweifelt an einen Freund wandte, der in der gleichen Gemeinde wie der betreffende junge Mann war. Der sprach mit dem Pastor der Gemeinde – ich weiß nicht, was der Pastor mit dem Typ gemacht hat, aber seitdem war Ruhe und ich konnte mich wieder frei bewegen.

Vor einem Jahr traf ich ihn noch einmal an der Uni. Ich sah, wie er eine junge Frau ansprach – und versteckte mich hinter meinem Netbook. Ich beobachtete zwar, hatte aber nicht den Mut, direkt einzugreifen. Mein Herz schlug wie wild und ich hoffte, er würde mich nicht bemerken – auch wenn ich fast sicher bin, dass er mich nicht erkannt hätte, ich sehe jetzt völlig anders aus wie vor neun Jahren. Als er ging, nahm ich allen Mut zusammen und sprach das Mädchen an. Ich erzählte ihr meine Geschichte und warnte sie, ihm nur niemals ihre Telefonnummer oder andere Kontaktdaten zu geben. Er hatte aber bereits ihre Mail-Adresse und ich weiß nicht, wie die Geschichte ausging. Sie hatte ihm zwar von ihrem Freund erzählt, aber meiner Erfahrung nach hielt ihn das nicht lange zurück – bei mir half die Geschichte vom Freund damals jedenfalls nicht.

Wieder zurück am See. Ich saß mit Herzklopfen da und drückte die Hand meines Mannes, bis meine Finger weiß waren. Und ich war so froh, als er wieder ging und ich wieder durchatmen konnte. Ich verstand zwar meine Reaktion, aber ich fand sie trotzdem blöd. Ich finde es doof, dass ich so reagiere, dass ich mich nicht gelassen mit Männern schwarzer Hautfarbe unterhalten kann, ohne an diesen einen Typen zu denken. Ich schaffe es einfach nicht, meine körperlichen Reaktionen unter Kontrolle zu bringen. Nein, dass ist nicht schön – gerade, weil es mich in eine Rolle drängt, in der ich nie sein wollte. Meine ganz persönliche Form von Alltagsrassismus – ganz ohne, dass ich das eigentlich will.

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