Klartext

Ich wei├č nicht, wann sie das telefonieren gelernt haben, aber ich gehe davon aus, dass es im Kleinkindalter geschah. Zumindest bei mir war das so – und meine Mutter brachte mir bei, h├Âflich zu sein, bitte und danke zu sagen, meinen Namen DEUTLICH auszusprechen und vor allem, mein Gegen├╝ber ausreden zu lassen. Alles Qualifikationen, die mir heute in meinem Job helfen. Alles Qualifikationen, die ich bei vielen meiner Kunden vermisse. Deshalb hier jetzt ein f├╝r allemal, die W├╝nsche einer geplagten Call-Center-Agentin.

1) Lieber Kunde, dein Gegen├╝ber ist ein MENSCH, vergiss das nicht. Niemals.

2) Lass mich ausreden.

3) Wenn du deine Kundennummer nicht parat hast, macht das gar nichts – ich suche dich wirklich wirklich gern raus. Aber bitte sprich deutlich mit mir, damit ich dich verstehen kann.

4) Lass mich ausreden.

5) Wenn du die Bestellnummern nicht kennst, such ich sie dir gern raus – bitte nenne PR├äGNANTE Merkmale des gesuchten Produktes – „ich suche ein T-Shirt“ hilft mir nicht weiter, wir haben zig Shirts im Sortiment.

6) LASS MICH AUSREDEN!

7) Wenn du weder Kundennummer noch Bestellnummer hast, kannst du gern trotzdem bei uns anrufen – aber zick nicht rum, das die Hotline Geld kostet. Hetz mich nicht, das bringt uns nicht weiter.

8) LASS MICH VERDAMMT NOCH MAL AUSREDEN!!!

9) Ich bin ein Mensch. Ich bin keine Maschine, ich werde dir nichts verkaufen, was du nicht willst, ich m├Âchte dir nichts aufquatschen, ich ruf dich nicht morgens um 8 auf einem Sonntag an, um mit dir unser Sortiment zu bequatschen. Vergiss nicht, dass DU etwas von MIR willst, also sei h├Âflich!

10) Lass mich – ihr wisst schon.

Ich wei├č nicht, wann Sie ihre gute Kinderstube verlieren, aber – das geht so nicht. Wir sind auch nur Menschen am andren Ende der Line. UND wir werden mies bezahlt. Also seid gef├Ąlligst h├Âflich. Oder habt wenigstens Mitleid.

(Der Prophet sagte heute: wird Zeit, dass du nen neuen Job kriegst, du kommst jeden Abend genervt heim.)

Categories: Immer dieselbe Leier

da tagte es

Achweh, –
Wird mich denn je
Ihr K├Ârper, so vollkommen,
Wei├čer noch als Schnee
Durch die Nacht geleiten?
Er tr├╝gte meine Augen
Und machte mich glauben
Es sei das Mondlicht.
Da wurd es hell.

Die erste Strophe von Heinrich von Morungens „Ow├¬, sol aber mir iemer m├¬„, das wohl sch├Ânste aller Tagelieder des Mittelalters und Teil meiner Bachelorarbeit. Ich untersuche Lieder der Gegenwart (um genau zu sein, untersuche ich Songs von Schandmaul, In Extremo, Faun und ASP) und versuche, Bez├╝ge zum mittelhochdeutschen Tagelied herzustellen.

Das Tagelied singt von der Trennung der Geliebten am Morgen, singt von Heimlichkeiten in der Nacht und von verbotenem Tun. Eine Beziehung, die verheimlicht werden muss, eine Liebe, die nur gelebt werden kann, weil beide ihr Leben daf├╝r aufs Spiel setzen, f├╝r ein paar fl├╝chtige, aber so unendlich kostbare Stunden. Man findet das Konzept ├╝berall in der Lyrik, und sp├Ątestens durch Shakespeares Romeo & Juliet („es war die Nachtigall, und nicht die Lerche“) ist es allseits bekannt.

Ich bin fasziniert von diesen Liedern. Tats├Ąchlich schwelge ich geradezu in der Sprache des Mittelhochdeutschen. Und so sa├č ich also am Wochenende bei sch├Ânstem Sonnenschein hier, las in meinen Texten und hatte Spa├č dabei. Muss wohl das richtige Thema sein, hm? ­čśÇ

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