9 Jahre

Vor 9 Jahren änderte sich mein Leben von Grund auf.

Damals war ich in einer Beziehung mit einem Mann, der wirklich nicht gut für mich war. Was anfing mit einer heissen Affäre, wurde irgendwann mehr. Daheim wartete seine langjährige Freundin auf ihn, während wir uns im Hobbykeller unter seinem Büro in der Sauna vergnügten. Oder ein Wochenende in Berlin verbrachten, im offenen SLK über die Autobahn cruisten, wohlwissend, das wir das Hotelzimmer nur zur Nahrungsaufnahme verlassen würden. Ich wusste, das sie auf ihn wartete. Ich wusste, dass sie mit dem Wissen lebte, das er Lust und Leidenschaft mit einer anderen auslebte, während sie für ihn nur die langweilige Hausfrau war. Und es war mir egal.

Er versprach mir nie, das er sie verlassen würde. Ich versprach ihm nie, dass ich meinen Verlobten verlassen würde. (Der während der gesamten Zeit unserer Beziehung mehr Zeit im Knast als an meiner Seite verbrachte und meinen Ring am Finger nur trug, damit er wusste, da draussen vor dem Gitter ist jmd, der an ihn denkt. Der, der mich mit den Worten „Du bist wie eine Mutter für mich“ dazu brachte, so schnell zu flüchten wie noch nie zuvor in meinem Leben.) Als wir irgendwann telefonierten und ich zum Abschied Ich liebe dich sagte, waren wir beide überrascht. (Und er triumphierte, könnte ich schwören. Ein wenig.)

Es kam, wie es kommen musste. Wir begannen eine Beziehung. Und plötzlich war ich die langweilige Hausfrau. Und seine Ex die Geliebte. Ich zog zu ihm in eine fremde Stadt und drei Monate lang war alles wunderbar. Aufregend. (Wenn man von seinen Eltern absah, die mir die Schuld gaben. Die damit zwar recht hatten, aber ihren notorisch fremdgehenden Sohn auch nicht erkannten.) Nach drei Monaten kam der Alltag. Und ich stürzte sehr tief sehr schmerzhaft von dem Sockel, auf den er mich gestellt hatte. Wer hätte das gedacht, die aufregende hemmungslose freizügige Geliebte kocht eben auch nur mit Wasser. Der Höhepunkt kam, als ich das Taxigeld auf meinem Schreibtisch liegen sah. Zusammen mit seiner Nachricht: „Bin arbeiten. Es passt nicht – pack deine Sachen und fahr nach Hause.“ Er übersah zwei Dinge: ich hatte abgesehen von ihm keine eigene Wohnung mehr und ich war nicht der Typ, der sich einfach wegschicken ließ.

Also wartete ich. Und es zerriss mich.

Am Ende saß ich dennoch weinend im Zug, meine völlig verwirrte Hündin an meiner Seite, an Telefon meine Mama, die ich angerufen hatte, ob ich nach Hause kommen dürfte. Ich durfte. Natürlich durfte ich.

So zog ich mit 22 wieder zu Hause ein. Und sah keine Perspektive mehr. Als ich kurz davor war, mir ein Messer zu nehmen (wie oft sass ich schluchzend im Bad und wusste nicht, soll ich es tun, soll ich nicht? Wie oft versteckte meine Mutter heimlich sämtliche scharfen Gegenstände? Es tut mir leid Mama!) rief ein Freund an. Jemand, den ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen hatte. „Es geht dir schlecht“ stellte er fest, noch bevor ich auch nur ein Wort mit ihm gewechselt hatte. Und kurzerhand nahm er mich mit, für ein Wochenende in die Schweiz, zu einem gemeinsamen Bekannten, der später mal extrem wichtig für mich werden sollte.

Dieser junge Mann faszinierte mich – er war Christ und sprach mit einer Gelassenheit und Überzeugung von seinem Glauben, die mich neugierig machte. Entweder, da war was dran oder der Kerl war völlig verrückt – aber er erschien mir nicht verrückt. Oder gar fanatisch. Nie versuchte er, mich zu bekehren, niemals. (Ich rechne dir das sehr hoch an, weisst du?)

Ja, und an jenem Wochenende in der Schweiz, da passierte es. Erst wusste ich gar nicht, wie ich anfangen sollte. Vor anderen Leuten beten? Selbst, wenn es nur vor ihm war? Selbst dann, wenn wir die Nächte davor problemlos stundenlang reden konnten und das soviel intimer war, als alle körperliche Zuwendung, die ich bisher kannte und über die ich mich definierte? Aber die Sehnsucht war stärker als die Scham, und so sprach ich mein erstes Gebet seit – seit immer. Und ich sprach so, wie ich auch heute noch mit meinem Gott, meinem Schöpfer, meinem Daddy rede. Frei Schnauze, wie mir der Schnabel gewachsen ist. So, wie ich es auch jetzt tue.

Hallo Papa, ich bin’s, deine treulose Tomate. Vor 9 Jahren hast du mich gerettet. Vor 9 Jahren habe ich ein Zeichen gesetzt und mich direkt nach der Bekehrung taufen lassen. Habe ich mein Leben mit dir begonnen. Du weisst, dass ich mehr als die Hälfte der Zeit nicht mal an dich gedacht hab. Und die Zeit, die ich an dich dachte, habe ich überwiegend damit verbracht, nicht auf dich zu hören. Hah, du weisst, es ist nicht einfach mit mir. Danke, dass du mich trotzdem lieb hast. Danke, dass du mich nie im Stich lässt, sondern immer zu mir stehst. Was wäre ich ohne dich?

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