Fräulein Rottenmeier

Kennt ihr sie noch, die verkniffene Gouvernante von Klara? Die ältliche Jungfer, die immer so tut, als sei die kleine Heidi ein kleines dummes Kind?

In letzter Zeit komme ich mir auf der Arbeit immer öfter vor wie Klara und Heidi. Eine der Teamleiterinnen hat scheinbar beschlossen, mich nicht zu mögen. Und mich dementsprechend zu behandeln. Es ist völlig egal, was ich tue, sie zickt mich an, spricht in diesem „Ich nehme dich sowieso nicht ernst“ süßlichem Tonfall mit mir oder macht mir das Leben sonstwie schwer. Suche ich mir selbständig Arbeit, löse ich bei ihr anscheindend den Freidenker-Alarm aus und sie staucht mich massiv zusammen, inklusive Sprüchen wie „du denkst doch sowieso „leck mich am Arsch“, nicht wahr?“ (Für alle anderen teamleiter ist es kein Problem, wenn ich mir selbständig Arbeit suche, die sagen dann: ach, du weißt schon, was du tust.) Frage ich sie, was zu tun ist, reagiert sie genervt, weil sie sich um mich kümmern muss. Sitze ich mit Kopfhörern da und arbeite (bei uns im Büro gibt es immer welche, die Stöpsel im Ohr haben, damit sie sich besser konzentrieren können, ist halt ein Großraumbüro), passt es ihr nicht, dass ich Musik höre. Wenn ich aber da sitze und starr auf meinen Bildschirm sehe und arbeite, während sich zwei Kolleginnen über meinen Kopf hinweg privat unterhalten, krieg ich ebenfalls einen auf den Deckel, denn schließlich würde ich ja zuhören und mich ablenken lassen.

Ich bin seit vier Jahren in dieser Firma und sie behandelt mich immer noch wie ein Kleinkind. Die dumme Neue, die nicht weiß, was sie tut. Ich bin ja auch nur die blöde Studentin, die halt nur drei Tage in der Woche da ist. Die kann man ja triezen. Nun ist es so, dass ich bedingt durch den Stundenplan auch oft am Wochenende arbeite. Und sie arbeitet drei von vier Wochenenden im Monat auch. Also sitze ich in den letzten Monaten jeden Samstag in der Straßenbahn und murmele vor mich hin: „heute ist ein schöner Tag, ich werde mich nicht ärgern lassen, heute ist ein…“ Ganz so arg ist es nicht, aber es nervt schon sehr. Ich hab Mühe, ihr morgens einen schönen guten Morgen zu wünschen und dabei auch noch zu lächeln – es bringt ja nix, wenn ich sie ignoriere, sie hat mich halt auf dem Kieker und sitzt als Teamleiterin am längeren Hebel.

Heute habe ich dann versucht, meine Schicht für Mittwoch vorzuziehen. Geht bei jedem andren relativ problemlos, zumal ich angeboten habe, ich könnte ja dann auch eine Stunde länger machen – ich hab halt jetzt abends Vorlesungen, müsste aber Mittwoch bis 20 Uhr arbeiten. Nein, das müsse ich gefälligst beim Personalreferenten klären. Schon als sie meinen Namen am Telefon hörte, kühlte ihre Stimme merklich ab.

Ich finde das so lächerlich. Wir sind beide erwachsene Frauen, wenn sie mich nicht mag, ja meine Güte, dann ist das halt so. Ist ja nicht so, als ob ich sie sonderlich gut leiden könnte. Man kann doch trotzdem fair miteinander umgehen. Ich weiß echt nicht mehr, was ich tun soll. Beim Betriebsrat könnte ich mich beschweren, aber das ist ein bisschen wie petzen in der Schule, davon wirds ja nicht besser, eher schlimmer. Also werde ich beim neuen Stundenplan Samstags eine regelmäßige Studiengruppe für die Abschlussarbeit angeben. Uni geht vor, das ist bei den Studenten auf der Arbeit so, dann werde ich zumindest nicht mehr Samstags mit ihr zusammen geplant. Unter der Woche sind mehr Leute da, da kann sie mich nicht so sehr triezen.

Lächerlich ist es trotzdem.

Categories: Immer dieselbe Leier