Heilung

„Dir ist klar, das wir jeder so unser Päckchen mit uns herum schleppen?“ fragte der Prophet mich, als wir spazieren gingen. So langsam merke ich, was er meinte.

Dieses „das ist alles neu und unwirklich“ Gefühl hält an. Zwar finde ich langsam Vertrauen, aber eben nur langsam. Ich merke, wie mein Herzschlag sich nach und nach normalisiert, wie das Adrenalin nicht mehr durch meine Adern rauscht weil ich Angst habe, alles nur zu träumen und jeden Moment aufzuwachen. Dafür kommen jetzt andere Dinge ins Spiel. Zu lernen, das man ausreicht, zum Beispiel. Ich trage diese Angst schon sehr lange mit mir herum. Nicht gut genug zu sein, nicht ausreichend zu sein, nicht hübsch genug zu sein, nicht cool genug… Fing schon als Kind an, Außenseiter, die, über die sich immer alle lustig machten. Mit der Zeit lernt man, damit umzugehen. Man legt sich ein dickes Fell zu und fängt an, zu schauspielern. Aber mit jedem „in eine Rolle schlüpfen“ gewöhnt man sich daran – gewöhnte ich mich daran. Bis ich halt irgendwann so oft eine Maske trug, das ich gar nicht mehr recht wusste, wer ich eigentlich war.

Ich finde mich wieder. Langsam und Stück für Stück. Seit ich Christ bin, lerne ich, das ich ausreiche. So wie ich bin. Ich fand Freunde und eine Gemeinde, bei der ich sein durfte, wie ich bin. Ich lernte Menschen kennen, denen ich helfen konnte, gerade weil ich diese Erfahrungen gemacht habe. Ich komme wieder zu mir selbst. Und Gott hilft mir dabei. Nur eines begriff ich immer noch nicht. Ich muss mich nicht verstellen, ich muss nicht zwanghaft versuchen, zu gefallen.

Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Man könnte es schon harmoniesüchtig nennen. Bei Streit zucke ich innerlich zusammen und versuche, dem Ganzen schnell zu entgehen. Erst mit dem Krieger habe ich gelernt, das ich streiten kann. Darf. Das nicht jeder Streit gleich Trennung bedeutet. Dafür bin ich ihm sehr dankbar, denn es stärkte mein Selbstbewusstsein ungemein. Es gibt ein paar Grundsatzdinge, die ich ziemlich stur durchgesetzt habe. Ohne Rücksicht auf Verluste. (Was sicher auch nicht ok war.) Bei anderen Dingen habe ich ziemlich blöd einfach die Augen zugemacht und mich verbogen. Lieber weggesehen und ausgehalten statt zu konfrontieren. Und in noch anderen Dingen habe ich versucht zu gefallen, ohne dass das ich selbst war. Hätte ich eher genauer hingesehen, wer weiß, ob die Beziehung so lange gehalten hätte.

Dennoch lerne ich erst jetzt, das ich genüge. Das ich keinem (Schönheits)Ideal hinterherrennen muss, weil ich zwar nicht perfekt bin – wer ist das schon – aber angenommen werde, so wie ich bin. Diese neue Beziehung, sie ist heilend. Für mich. Das Päckchen ist noch da, klar, aber ich spüre, das es sich leichter tragen lässt. Ein neues, anderes Gefühl, das mich immer wieder überrascht. Mich teilweise umhaut mit dem Vertrauen in den Propheten, das ich dadurch aufbauen kann. Aber mich teilweise auch zögerlich werden läßt, weil Zutrauen eben nur langsam wächst. Stück für Stück. Heil werden.

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