Brief an einen Vater

Heute in 4 Wochen bist du seit einem Jahr tot. Ich fange an, immer öfter an dich zu denken. Es passiert soviel und es ist soviel kaputt gegangen. Soviele Träume und Illusionen sind weg, einfach verpufft. Normalerweise komme ich ganz gut damit klar – die erste Zeit war hart, zu Hause, da, wo jetzt irgendwie kein zu Hause Gefühl mehr ist. Doch als ich wieder hier war, hier, wo ich wirklich zu Hause bin, hier wo meine Freunde sind, da wurde es einfacher. Ich, nein, ich vergaß dich nicht, ich…verdrängte dich. Wie ich es mit dem kleinen ich in mir getan habe. Ich sperrte die Erinnerung in eine hübsche kleine Schachtel und machte die einfach nicht mehr auf.

Es war – erleichternd. Das Leben ging weiter. Ohne dich. Wie schnell es weiter ging, erfuhr ich 2 Monate später. Als sie mir sagte, sie habe einen neuen Freund. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Was war mit euch? Wart ihr nicht immer glücklich? Selbst in schweren Zeiten (von denen es soviele gab, das wissen wir beide)? Selbst wenn ihr Streit hattet, ihr gehörtet doch zusammen! Ich werde nie vergessen, wie klein sie aussah, als du weg warst. Wie gebrochen. Weinend saß sie da und das einzige, was sie antworten konnte, war „ich will meinen Mann wieder haben!“. Und jetzt? Jetzt will sie sogar wegziehen. Mit IHM.

Und ich denke immer öfter an dich. Erinnere mich an die Verzweiflung, als ich dich da so liegen sah. Das warst nicht du, das war nicht mein Papa. Und dann schlich ich mich eines Abends wieder zu dir, ein Foto von mir in der Hand, und ich wollte es dir geben und cih konnte den Glasdeckel nicht öffnen. Ich wollte dich berühren, wollte zu dir, aber es ging nicht. Und immer noch glaubte ich nicht das wirklich tot bist. Am Tag deiner Beerdigung glaubte ich es auch noch nicht. Du solltest dort in dieser Kiste liegen? Du? Der du immer so lebenslustig warst?

Ich fuhr heim und dachte nicht mehr daran. Ich versuchte zu vergessen. Vor allem versuchte ich, zu begreifen, das die Illusion vom glücklichen Ehepaar wohl eben nur genau das war – eine Illusion. Sie hat sich schnell getröstet. Und jetzt will sie mit ihm weggehen und das ist das Schlimmste. Nicht, das sie weggeht – das du dann allein bist. Wenn du wenigstens dort liegen würdest, wo du auch dein Leben lang gearbeitet hast, wo du bekannt warst. Wo deine Familie lebte. Wo dein Vater begraben liegt. Sie läßt dich im Stich und verrät alles, woran ich glauben sollte – Familiensinn. Wir halten zusammen. Es war doch mal so?

Und ich denke immer öfter an dich. Ich trauere um all die verpassten Gelegenheiten. Du wirst nie ein Kind von mir sehen. Du warst so ein toller Opa – wenn ich daran denke, das meine Kinder dich nie kennenlernen werden, dann möchte ich weinen. Wenn ich daran denke, das meine Kinder später nur ein Großelternpaar haben (denn sie geht ja weg – und bitte, liebe Familie, lest es einfach, sagt nichts dazu) dann möchte ich verzweifeln. Weil ich weiß, das IHR tolle Großeltern wart – und weil ich eben nicht weiß, ob meine zukünftigen Schwiegereltern auch tolle Großeltern sind. Bei euch wusste ich das. Ich bin traurig, weil du deine Mittlere nie in Weiß sehen wirst – weil ich nie den Tanz mit dir eröffnen kann.

„Seine Heimat hat man dort gefunden, wo man die Jahreszeit am Duft erkennt und dabei eine Gänsehaut bekommt.“  (K. Michael Mühlfeld) las ich gestern in einem Blog. Ich beginne zu vergessen, wie du gerochen hast. Nach Arbeit und Kaninchen, nach Gras und Zigaretten. Und das ist das Schlimmste. Ich beginne, zu vergessen, wie du warst.

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