schlechtes Gewissen

Weißt du, das ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich 2009 das letzte Mal mit dir telefoniert habe? Es überkommt mich immer mal wieder, dieses schlechte Gewissen. Es bleibt nie lange. Ich denke daran, wie es ist, zwischen dir und mir. Wie es sein sollte. Nicht so verkrampft, so auf der Hut, ständig darauf bedacht, nicht das falsche zu sagen. Du hast da weniger Hemmungen, scheint mir. Ich will dir nicht weh tun, du hast genug gelitten. Früher – da warst du taktvoller. Scheint mir. Aber früher war auch – anders. Da war dein Fels noch da. Jetzt treibst du im Strom des Lebens und klammerst dich an Strohhalme. Und du kommst vom Weg ab. Das rede ich mir zumindest ein. Denn wenn es das nicht ist, du nicht dorthin getreiben wirst, dann gehst du. Freiwillig. Und kehrst allem, was vorher war, den Rücken. Das macht es so schwer im Moment. Ich kann nicht mit dir reden, weil ich mich fürchte, Dinge zu sehen, die ich nicht sehen möchte. Sachen zu hören, die ich nicht hören möchte. Die meine Wunden aufreißen – und wenn das geschieht, werde ich nicht aufhören zu bluten. Und so kehre auch ich dem Geschehenen den Rücken – nicht weil ich nicht will, sondern weil ich mich nicht damit beschäftigen kann. Und so weine ich nachts oder unter der Dusche heimlich um all die ungesagten Worte – zwischen dir und mir.

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