Von einer, die auszog

die Angst abzulegen

Heute vor einer Woche hatte ich mal wieder ein Date mit meinem Lieblings-Halbgott in weiß. Nur das der blau trägt – aber das nur nebenbei. Um 12 Uhr war Termin, und da bei uns im Moment ja so ein Bahn-Chaos herrscht (die Züge kommen in den seltensten Fällen pünktlich, meistens unpünktlich, manchmal auch gar nicht) bin ich schon früher hingefahren und wanderte noch ein wenig im Einkaufszentrum in der Nähe der Praxis herum. Kurz vor 12 war es dann soweit – ich betrat 4 Wochen nach dem letzten Termin die Praxis. DIE Praxis, die ich mich im November noch weigerte, zu betreten und die ich Anfang Dezember unter Tränen wieder verließ. Ich lächelte, ich war locker, ich war regelrecht beschwingt. Nahm im Wartezimmer Platz, ließ mir die Zeit nicht zu lang werden, wurde dann ins Behandlungszimmer geführt. Den Raum kannte ich noch nicht, es war das „Kinderzimmer“, viele Kuscheltiere mit riiiiiesigen Zähnen, eine tolle Unterwasser-Posterwand mit Walen und Delphinen und Bildern an der Decke. 100 Katzen und eine Maus  – leider habe ich die Maus ziemlich schnell gefunden 😉

Der Zahnarzt kam, gab mir eine Spritze, ich zuckte weg. Nach 4 wochen Zahnarzt-Abstinenz wohl irgendwie kein Wunder. Danach war dann alles gut. Er lächelte, als er meinen Mp3-Player sah und scherzte – das nächste Mal bringen sie Boxen mit, dann haben wir alle was davon 😉 Fragte interessiert, was ich denn höre (KorRn – Hauptsache laut. Dachte ich – tatsächlich ist es eher das unplugged-Album selbst, das mich fliegen läßt – aber dazu später ein eigener Beitrag.) und zog dann fragend die Augenbrauen hoch, als ich den Namen der Band nannte. Dann befreite er meinen oberen Schneidezahn von den Gebrüdern Karies und Baktus – die hatten sich auf der Vorderseite nämlich ein hübsches braunes Nest gebaut. Und während der Bohrer so sirrte und summte, das Kreischen Amy Lee bei „Freak on a leash“ einfach mal mühelos übertönt – da merke ich, das ich mich entspanne. Ich drehe den Player lauter und schließe die Augen, lasse mich tragen. Und bin im Nachhinein ziemlich fasziniert. Nicht nur davon, wie die Musik mich entspannt, sondern auch davon, das meine Angst sich wohl irgendwann dachte, ist ja langweilig mich zu quälen, wenn ich nicht mehr reagiere. Und hinterher gugge ich erstaunt in den Spiegel, sehe nur noch schöne Zähne und merke – ich bin nicht mehr angespannt und nervlich am Ende.

Daher war ich heute dann auch ziemlich entspannt, als es an das Schleifen der Zähne ging. Eigentlich war der Termin erst um halb 1, wurde dann aber spontan vorgezogen, weil ein anderer Patient einen Termin abgesagt hatte. So kam es, das heute um halb acht mein Handy klingelte – meine Zahnarzthelferin war dran und fragte mich, ob ich nicht schon um neun? Kurz nachgedacht, duschen und Zug erwischen, passt schon sollte grad so klappen. Der Zug war auch ausnahmsweise mal pünktlich – hatte dann aber am Ende doch 17 Minuten Verspätung, weil wir irgendwo auf den Gleisen kanpp 20 Minuten rumstanden – wegen einer Signalstörung. *seufz* Gott sei Dank traf ich Abraxa am Bahnhof, die mir widerrum ihr Handy lieh, sodass ich wenigstens Bescheid sagen konnte. 20 nach Neun betrat ich dann die Praxis, wartete noch 10 Minuten und dann kam auch schon der Doc. Der setzte dann vier Spritzen ( „nett ist anders, ich weiß. ganz ruhig bleiben, sie machen das suuuuuuper, da zucken ganz andre Patienten einfach mal so weg“ – ich kann das mittlerweiel schon mitbeten im Geiste 😉 ) und dann hieß es warten. und warten. Schon mal zwei Abdrücke machen – uärghs, ich hatte das letzte Mal so mit 11 oder 12 diese Masse im Mund und der Geschmack hat sich in der Zwischenzeit nicht wesentlich verbessert) und dann – warten. Zwischendurch kam der Arzt, steckte lächelnd den Kopf durch die Tür „ich-hab-sie-nicht-vergessen“ und schwupps weg war er wieder. So langsam hatte ich Sorge, das die Betäubung nicht mehr wirken würde, bis er wieder da war. Aber bevor ich mich zu sehr reinsteigern konnte, war er wieder da, fuhr mich fast über Kopf mit seinem Sessellift und legte los. Was soll ich sagen – angenehm ist anders. Aber ängstlich sein auch. Also so ein Mittelding zwischen ergeben mit sich machen lassen und sich freuen, das es weiter geht. (Vielleicht kommt mir die Tatsache, das ich eben auch Sub bin und mich da einfach schnell in eine dienende Haltung begeben kann, doch ziemlich zu gute – ich kann mich da schnell in was reinsteigern was mir hilft, unangenehme Dinge zu ertragen.) Das Schleifen war – anstrengend. Zwischendurch merkte ich, wie ich anfing zu zittern – keine Ahnung, ob das die Anspannung der Nerven war oder einfach weil mir auch ein wenig kalt war. Angst war es jedenfalls definitiv nicht. Ausgelaugt war ich dennoch, als ich fertig war. Hat auch ziemlich lang gedauert diesmal, 4 Spritzen, 3 Abdrücke, 2 abgefräste Zähne – und eine Erkenntnis reicher:

Ich habe keine Angst mehr!

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