drei Monate

Gestern um diese Zeit war meine Welt noch in Ordnung. Naja, so in Ordnung, wie sie halt sein kann, drei Monate nach dem Tod meines Papas. Ich hab ihn beerdigt, hab getrauert, hatte Heulkrämpfe, hab ihn vermißt, dann verdrängt. Ich dachte nicht mehr daran und gaukelte mir selbst vor, es sei alles ok. Es war, als ob Papa auf einer langen Reise wäre und irgendwann stünde er wieder vor der Tür, lachend, glucksend.

Heute morgen hörte ich ein Telefonat. Ein Telefonat meiner Mutter. Ein Mann war am anderen Ende der Leitung, er nannte sie Schatz. Erst dachte ich, Papa wäre dran, dann fiel mir ein, das es ja nicht sein könnte und hörte weiter zu. Meine Mutter hatte das Telefon auf Lautsprecher gestellt, sie ahnte oder hoffte wohl, das ich mithören würde. Als ich das Schatz hörte, kam mir fast die Galle hoch. Ein anderer Mann als mein Papa nannte meine Mama Schatz und sie tat nichts dagegen. Gar nichts!

Was folgte war ein langes Gespräch, in welchem sie mir offenbarte, es gäbe da jemanden Neuen in ihrem Leben. Der sei sehr verliebt in meine Mama, sie selbst empfinde Freundschaft und Sympathie, und „eine Liebe, die erst wachsen muss“ für diesen Mann. Sie würde sich immer so freuen, wenn sie ihn sehen würde, dieser Mann würde sie auffangen, sie ermutigen zu trauern, mit ihr das Grab gestalten. Das sei etwas anderes als mit Papa, Papa würde zwar immer an erster Stelle stehen, aber sie werde auf Dauer nicht allein bleiben. Wenn das Trauerjahr rum ist, dann machen sie es offiziell und werden dann wohl auch zusammenziehen.

Wenn es nach Emely (ja, mein inneres Kind hat tatsächlich einen Namen warum auch nicht, sie hat ja auch eine eigene Puppe) gegangen wäre, hätte ich gekreischt, mit dem Fuß aufgestampft, mit den Türen geknallt, meiner Mama vorgeworfen, sie würde Papa betrügen und wäre heulend abgehauen. Da es aber nicht immer nach Emelys Kopf geht (Gott sei Dank) habe ich ihr den metaphorischen Mund zugehalten und meinen Verstand sprechen lassen. Der da sagte: wenn du glaubst, das ist für dich ok Mama, dann tu das. Wenn DU das Gefühl hast, es ist für dich und für Papa ok, dann lass dich nicht abhalten. Lass dich von mir nicht abhalten, dein Glück zu finden. Ich finds nicht ok – nein, ich finds ok, aber ich find auch, es ist zu früh. Papa ist erst drei Monate tot. Aber ich muss deine Entscheidung akzeptieren – das werde ich auch, irgendwann. Und bestimmt kommt irgendwann mal die Zeit, da find ich das auch ok. Nur jetzt noch nicht.

Soweit, so diplomatisch. Leider legte meine Mama dieses Taktgefühl nicht so wirklich an den Tag. Klar hatte sie Bammel, wie ich reagieren würde. Sie erzählte mir nicht nur von ihm, sie stelle mich ihm vor. Der arme Kerl – zu einer andren Zeit, einer anderen Situation (etwa bei einer Trennung meiner Eltern) hätte ich ihn ok gefunden. Ich hätte es süß gefunden, das sie aufgeregt ist, wenn er kommt, das er sich anbietet, mich/uns zum Bahnhof zu fahren, um mich kennenzulernen – und das die beiden (heimlich hinter meinem Rücken) Händchen halten.

So kam mir die Galle hoch.

Das passt einfach nicht zusammen das ein anderer Mann sie mit Kosenamen bedenkt und sie nichts dagegen tut. In meinem Kopf gibt es nur ein Bild: die Vorstellung von MEINEM Papa und MEINER Mama zusammen. Klar wünsch ich mir, das sie auf Dauer nicht allein bleibt. Aber so früh? Und das „wir warten noch das Trauerjahr ab und dann machen wir es offiziell“ klingt nach verheimlichen. Ich unterstelle meiner Mutter nichts, aber ich fühl mich getäuscht. Ich kenne meine Eltern nur als „Traumpaar“ – meine Eltern haben viel mitgemacht, die Jahre des Trinkens meines Vaters, der Zusammenhalt, Schulden. Viele Höhen und Tiefen, viel Schweigen, aber auch viel Lachen. Und auch viel Turtelei und „zweiter Frühling“. Ich habe zwischen meinen Eltern immer nur die große Liebe erlebt – jetzt fühlt sich das an, wie vorgespielt. Mein Papa starb Ende September sehr unerwartet, und kaum drei Monate nach seinem Tod hat sie wieder Platz in ihrem Herzen (noch nicht in ihrem Bett, auch das wurde erläutert) für einen anderen. Kann sein, das das was ganz Wunderbares ist, ich wünsch ihr das sehr – aber sie heute händchenhaltend zu sehen (und verständnisvoll zu reagieren) hat mich fertig gemacht.

Mein Kopf sagt, es ist ok, deine Mutter weiß schon, was sie tut, die ist erwachsen und wenn sie es glücklich macht und das vor Papa guten Gewissens verantworten kann, dann passt das schon.

Mein Herz sagt etwas ganz anderes.

Ich finds ja auch (im Hinblick auf später) irgendwie ok – ich wäre egoistisch, wenn ich meiner Mama sagen würde, sie dürfte nie wieder eine Liebe erleben. Ich will auch gar nicht, das sie allein bleibt. Aber muss es drei Monate nach Papas Tod sein? Vor drei Monaten haben wir sie noch davon abgehalten, am Grab zusammenzubrechen. Vor knapp 4 Monaten waren die beiden noch das verliebte Traumpaar – und jetzt hält sie mit einem andren Mann Händchen und schwärmt von wachsender Liebe. Davon, das dieser Mann sie auffängt, wenn sie trauert. Davon, das dieser Mann ihr Fels ist. Das er das Grab mit ihr pflegt, das sie zusammen zu meinem Papa gehen und da in trauter Zweisamkeit ohne schlechtes Gewissen am Grabstein stehen können.

Ich weiß, das ich das irgendwann akzeptieren kann – irgendwann werd ich das auch sicher gut finden. Das hab ich meiner Mama auch versichert heute, mehrfach. Ich weiß auch, das dieser Eintrag danach klingt, das meine Mutter gefühlsmäßig ein eisblock ist und gar nicht um meinen Vater trauert – dem ist nicht so! Ich hab sie gebeten, das sie sich um Himmels willen nicht von mir davon abhalten lassen soll, ihr Glück festzuhalten – meine Mama ist (leider) der Typ, der sein eigenes Glück opfern würde,  wenn es Familienmitglieder verletzt. Und ich will meine Mama nicht unglücklich sehen.

Aber ich brauche Zeit. Vermutlich mehr, als ich je dachte.

Und eines weiß ich genau – dieser neue Mann wird niemals der Großvater meiner Kinder werden.

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