Hochgenuß

Vor ein paar Jahren las ich „Die Zwerge“ von Markus Heitz. 2003 kam der erste Band raus, nach und nach folgten der Krieg der Zwerge und die Rache der Zwerge. Die Geschichte endete mit dem Schicksal der Zwerge, wo nicht nur eben dieses, sondern das Schicksal vom ganzen geborgenen Land endgültig besiegelt wurde.

Ich folgte dem kleinen Zwerg Tungdil, der bei Menschen aufwuchs, auf seine Abenteuer. Er lernte Zwerge kennen – und lieben – er wurde Großkönig und tauschte seinen Schmiedehammer gegen eine Axt, die er Feuerklinge tauft. Er trifft auf Andôkai, die letzte Maga, und ihren seltsamen, dämonisch anmutenden Wächter Djerun in stählernder, runengeschmückter Rüstung. Er besiegt Trolle und Orks, verliebt sich und wird Vater. Am Ende seiner langen Reise ist aus Tungdil, dem Findelkind Tungdil Goldhand geworden, Großkönig der Zwerge und totgeglaubter Held. Ich habe die Bücher verschlungen.

Aber Tungdil trifft nicht nur auf Elben, Trolle und Grünhäute, er trifft auch die mächtigen Albae – „grausame Wesen voll finsterer Magie“.  Äußerlich den Elben ähnlich, sind diese Wesen dunkel und böse im Inneren. Sie lieben die Kunst und drücken ihre Liebe dadurch aus, das sie eine Stadt aus Gebeinen errichten und Kunstwerke aus Blut auf menschlicher Haut gestalten. Sinthoras war einer von ihnen – und ich habe es geliebt. Seine Art, zu denken, sein künstlerischer Anspruch beim Töten, seine Arroganz, wenn er den Wesen ihr Schicksal brachte.

hier mal eine kleine Leseprobe – wir befinden uns, wie kann es anders sein, auf einem Schlachtfeld – die Zwerge sind gerade dabei, das Tor zum geborgenen Land zu verteidigen.

Die Morgensonne schob sich über den Gebirgskamm über dem Steinernen Torweg und blendete Glandallin. Er schirmte die empfindlichen Augen mit der Hand, damit er sehen konnte und die Gewissheit erhielt, dass die Pforte nicht mehr die kleinste Lücke aufwies. Es ist uns gelungen, Vraccas, dachte er erleichtert, als ein glühender Schmerz durch seinen Rücken fuhr. Eine schmale Klingenspitze ragte für den Zeitraum mehrerer Lidschläge aus seiner Brust, ehe sie wieder herausgezogen wurde. Ihm stockte der Atem. „Wer…?“ Der heimtückische Angreifer umrundete ihn und ließ sich vor ihm in die Hocke nieder. Der Zwerg blickte in ein feines Elbengesicht, Sonnenstrahlen schienen durch die blonden Haare und verwandelten sie in goldene Fäden. Die Schönheit litt unter einem Furcht einflößenden Makel: Anstelle der Augen sah der Zwerg zwei mandelförmige, unergründlich schwarze Löcher.
Das Spitzohr trug eine schimmernde Plattenrüstung aus geschwärztem Stahl, die bis über die Knie reichte. Die Beine wurden durch Lederhosen geschützt, die dunkelbraunen Stiefel reichten bis unter die Knie. Dunkelrote Handschuhe bewahrten die Finger vor Schmutz, und die Rechte hielt einen Speer mit einer dünnen, blutfeuchten Eisenspitze, die das enge Ringgeflecht des Kettenhemdes durchstoßen hatte. Der seltsame Elb sprach zu dem Zwerg. Glandallin verstand ihn wieder nicht, doch der düstere Klang der Worte sandte eisige Schauer über seinen Rücken. „Mein Freund sagte: Sieh mich an. Dein Tod heißt Sinthoras“, übersetzte jemand hinter ihm. „Ich nehme dir das Leben, und das Land nimmt dir die Seele.“ Glandallin hustete dunkles Blut, es rann aus dem Mundwinkel und sickerte in seinen Bart.

„Geh mir aus der Sicht, niederträchtiges Spitzohr! Ich möchte beobachten, wie sich das Tor schließt“, verlangte er mit schroffer Stimme. Er versuchte, den Gegner mit einem Hieb der Axt zu verscheuchen. Beinahe wäre sie ihm entglitten, denn seine Kraft schwand. „Geh weg, oder ich spalte dich wie einen Strohhalm, verräterischer Elb“, polterte er ungerührt weiter. Sinthoras lächelte kalt. Er hob den Spieß und fädelte die Spitze in einen schmalen Spalt zwischen den Kettenhemdringen. „Du irrst. Wir sind die Albae. Wir sind gekommen, um die Elben zu vernichten“, sagte die Stimme in seinem Rücken sanft. „Das Tor mag sich schließen, aber wenn du dich durch die Macht des Landes wieder von den Toten erhebst, wirst du einer von uns sein und es öffnen. Du kennst die Losung.“
„Niemals!“, widersprach der Zwerg. „Meine Seele zieht zu Vraccas….“ „Nein, denn deine Seele gehört nun dem Land, und damit gehörst du ihm auf ewig“, unterbrach ihn die samtene Stimme. „Nun stirb, kehre zurück und gib uns das Geborgene Land.“ Das geschliffene Ende fuhr in das Fleisch des hilflosen, geschwächten Zwerges. Der Schmerz brachte ihn zum Verstummen.

Mit sanftem Druck schob Sinthoras die Klinge ein zweites Mal durch den geschundenen Körper. Er tat es beinahe andächtig, zärtlich, voller Glückseligkeit, dann wartete er auf das Sterben. Eingehend betrachtete er Glandallins vom Todeskampf verzerrte Züge und sog die Eindrücke neugierig in sich auf.
Erst als er sich sicher war, dass alles Leben aus dem letzten Hüter des Steinernen Torwegs gewichen war, stand er auf.

Ich gestehe, ich habe die Albae geliebt. Sie sind meine heimlichen Helden.

Kennt ihr das, wenn ihr ein Buch lest, einen Antihelden findet und euch wünscht, das es über genau DIESEN Charakter eine Reihe geben wird?

Heute hab ich es gefunden – das erste Band der Legenden der Albae, geschrieben vom Meister selbst.

Ihr ahnt nicht, wie sehr ich mich gefreut habe. Einmal gekauft, presste ich das Buch an meine Brust und war seelig. Andächtig fuhren meine Fingerspitzen über den Titel, der sich wie ein kleines Relief vom Umschlag abhebt. Ich wiege es in meinen Händen, genieße das Titelbild, lese den Klappentext immer und immer wieder. Ein kleiner Schauer überkommt mich und mein Hez schlägt schneller vor Erwartung. Ich ahne, das dieses Buch perfekt ist, die Geschichte mich fesseln wird. Ich öffne das Buch ein Stückchen, einen winzigen Spalt nur, stecke meine Nase hinein und atme tiiieeef ein. Neue Bücher, sie riechen so gut. Es riecht nach frischem Wind und süßen Düften, aber auch nach Blut, Rauch und Tod. Ich vermeine, das leise melodische Lachen Sinthoras und das Kampfgetümmel epischer Schlachten zu hören. Und spätestens, als ich auf den ersten Seiten lese, das Sinthoras seiner menschlichen Sklavin für eine kleine Unachtsamkeit die Augen aussticht und es Gnade nennt, das er sie an dem Tag von ihren Pflichten befreit, wird meine Ahnung zur Gewißheit: Dieses Buch ist perfekt. Es wird mich in dieses berühmte tiefe schwarze „ich bin am Ende des Buches angekommen und es ist noch keine Fortsetzung draußen“ Loch fallen lassen.

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