Papa

Pünktlich zum vierwöchigem Todestag meines Papas sind auch die Zahnschmerzen wieder da und ich weiß endgültig, das die nur von der Psyche herrühren.

Freunde und Kollegen fragen mich, wie es mir geht, sehen mich bewundernd an „du steckst das alles so gut weg!“ und reden mit mir über das Thema, als ob es sich um den Tod eines entfernten Verwandten oder eines Schauspielers handelt. Bzw – ich rede so mit ihnen. Und tatsächlich fühlt es sich auch so an – wie irgendein bekannter Schauspieler, oder ein aus der Boulevard-Presse bekannter Promi. Ihr wißt schon, der Michael, der gestorben ist, der Patrick, der nach langer Krankheit endlich erlöst wurde, der Vater von der Federschwarzen, der Mann, der sich so sehr für andere engagierte. Der so tief im Dreck saß damals und der mit Hilfe seiner Frau von der Flasche wegkam. Der seine Kinder dazu erzog, ganz öffentlich dazu zu stehen und der sich auch überregional als Suchthelfer betätigte, um anderen Menschen dieses Los zu ersparen. *klick* hier ein foto, *zap* da ein Blitzlicht.

Mein Vater war viel unterwegs für den Verein, diese Sache war ihm so wichtig. Ich weiß noch (oder vielmehr, es wurde mir erzählt, ich habe kaum Erinnerungen an meine Kindheit, die tauchen erst mit 14 oder so auf und auch dann erst, wenn ich wirklich nachdenke) ich war 11, da machte ich meinem Vater ein Kompliment, das er noch Jahre später stolz wiederholte, wenn er mit Süchtlingen sprach. „Papa,“ sagte ich, „Papa, seit du nicht mehr trinkst ist es viel schöner, mit dir zusammen zu sein.“ Er meinte immer, das ging damals runter wie Öl.

An eine Geschichte erinnere ich mich jedoch genau – das Zauberhemd. Es ist nämlich so, das ich auf Silvester Namenstag habe. Und als Kind dachte ich immer, die ganze Welt feiert meinen Namenstag mit bunten Lichtern, Böllern und Raketen. Ich hatte herrliche Namenstage, vor allem, weil mein Papa ein Zauberhemd besaß. Dieses Hemd hatte er natürlich auch während der anderen 364 Tage im Jahr an, aber nur an Silvester entwickelte es seine eigene, ganz spezielle Magie. Dieses Hemd konnte nämlich Geld wechseln. Tat man am Anfang des Abends ein paar Münzen rein, konnte man während des Abends immer mal wieder nachsehen, und jedesmal, wenn ich nachsah, war ein anderer Geldbetrag drin. Mal etwas mehr, mal etwas weniger. Und das, was Punkt Mitternacht in der Tasche des Zauberhemds meines Papas war, das durfte ich behalten.

Die Menschen fragen mich, wie ich das so gut wegstecke, das mein Papa tot ist. Die Wahrheit ist, er ist nicht tot. Ich will nämlich nicht wahrhaben, das er tot ist. Wenn er nämlich tot ist, dann bin ich allein. Meine Mama ist dann allein. Meine Schwestern auch. Und all die Menschen, deren Leben mein Papa im Laufe der Jahre beeinflusst hat.

Vor einem Monat war sein Todestag, und ich gebs ehrlich zu, ich musste tatsächlich erst mal im Blog nachsehen, wann ich heim gefahren bin, so gut bin ich im Verdrängen. Es war ein Mittwoch, das weiß ich genau, aber das verdammte Datum wollte mir auf Anhieb wirklich nicht einfallen.

Ich war schon immer gut darin, Sachen zu verdrängen. Der Schmerz über den Tod meines Papas tummelt sich jetzt hübsch verpackt im Keller meiner Seele (gell, das klingt so hübsch pathetisch), dort, wo ich auch die Erinnerungen an den Mißbrauch und die verkorkste Kindheit vergraben habe, jene kleinen bunten Bildchen, Gefühle und Empfindungen, die ich oder das Kind in mir nicht tragen konnten und zeitweise noch immer nicht tragen können. Erinnerungen an den gelben Riesenblock der Justizbeamtin, auf dem sie meine Aussage aufnahm, gepaart mit dem Mobbing in der Schule Jahre später tanzen da einen lustigen Ringelreigen, bunt durchmischt von Bildern, wie wir die Flaschenverstecke der Männer des Hauses ausräumen.

Ich weiß, das jetzt wieder einige meiner familie aufschreien wenn sie das hier lesen, denn schließlich spricht man nicht schlecht über Tote – und ich wollte das hier auch gar nicht zu einer Tirade über Alkoholmißbrauch ausufern lassen. Von daher, bitte spart euch die bösen Kommentare/Mails/Gedanken, ich denke, ihr und ich, wir wissen schon, das ich es nicht böse meine, sondern von meinem Papa einfaach so erzogen worden bin. Er hat seine Krankheit nicht versteckt, er hat sie überwunden und es war ein Teil seines, unseres Lebens, der einfach nicht wegzudenken ist – warum auch, mein Papa war ein Held!

Und irgendwann werde auch ich begreifen, das er wirklich nicht mehr da ist, das er nicht wiederkommt, das sein Körper begraben ist und ich ihn nie wieder sehen werde, sein glucksendes Lachen nie wieder hören werde, seinen Duft nie wieder riechen und seine Wärme nie wieder spüren werde.

Und bis ich das begriffen habe werde ich mich weiterhin leise fragen, ob du nicht einfach wiederkommen kannst, Papa – bitte!

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