Familie

mein Opa spielte gern Mundharmonika. Das fiel mir grad wieder ein, als ich in seinem zimmer stand und das Foto von ihm an der Wand gesehn habe. Auf dem Bild spielte er Mundharmonika und guggte fröhlich indie Kamera. Jetzt liegt er schlafend in seinem Bett. Wenn er die Augen aufmacht, ist sein blick glasig. Ich hab das Gefühl, sein Geist ist schon weg, nur die Hülle, sein Körper, der ist noch da. Als der Arzt meiner Mama gesagt hat, das sie meinen Opa mit nach hause nehmen dürfte, hat sie vor Freude gelacht. Sie hat meinem Opa nämlich das Versprechen gegeben, das er zu Hause in seinem eigenen Bett sterben darf. Als meine Mama dann meinem Opa erzählt hat, das sie seinen Wunsch erfüllen dürfe, das er wieder nach Hause kommt, hat er sich aufgerichtet, sie angesehen und „ja“ gesagt. Ich glaube, das war das letzte Mal, das mein Opa gesprochen hat – jetzt kann er in Frieden sterben, in seinem Bett, in seinem Zimmer, wo an der Wand all die Fotos hängen, von den Menschen, die seine Familie sind. Ich hab mich vorhin von ihm verabschiedet, ich glaube nicht, das mein Opa das nächste Wochenende erleben wird.

Gestern habe ich mich noch länger mit meinen Eltern unterhalten – wie war Opa? Und wie war seine Frau? Ich hab meine Oma leider nie kennen lernen dürfe, sie starb zwei Jahre vor meiner Geburt. Oma Hermine muss eine herzensgute Frau gewesen sein, ein Mensch, der alles für seine Familie gegeben hat, und nie etwas für sich selbst wollte. Mein Opa ist 1926 in Polen geboren worden, meine kleine Schwester erzählte, das seine Mutter Monika hieß. Weil sie aber viel arbeiten musste, wuchs mein Opa bei seinen Großeltern auf, in den Bergen, auf einem kleinen Bauernhof, ähnlich wie Heidi. Als Hitler dann Polen einnahm, kam mein Opa in ein Arbeitslager. Er war ein paar Jahre da, bis Polen befreit wurde. Nach Kriegsende war mein Opa einer von der Besatzungsarmee, die in Deutschland stationiert wurde. Mein Papa erzählte, das Opa es nicht leicht hatte – er war erst einer der Soldaten, die immer Zigaretten und Schnaps und Frauen hatten. Eine tolle Uniform muss er gehabt haben. Dann lernte er meine Oma kennen, die daraufhin als „Besatzer-flittchen“ beschimpft wuwrde in ihrem Dorf. Er war ja der Feind, wie konnte sie es wagen, sich ihn so einen zu verlieben? Sie bekam sogar ein Kind von ihm! Mein Opa blieb also in Deutschland und als dann das zweite Kind unterwegs war, heirateten er und Oma Hermine. Oma Hermine schlug es vor, deinn mein Opa sollte ausgewiesen werden. Finanzielle Schwierigkeiten zogen sich wie ein roter Faden durch ihr Leben – mein Opa war ein Säufer, und das wenige, was er mit den Handlangerjobs, die er machte, verdiente (andere Arbeit bekam er nicht, als „der Pole, der nicht mal richtig Deutsch konnte“) ging vermutlich zum größten Teil für Alkohol drauf.

Mehr weiß ich nicht, außer das die zwei einen Stall voller Kinder bekamen, von denen sich jetzt keiner außer meinen Eltern so richtig um meinen Opa kümmert. Meine Patentante war immerhin mehr als drei Stundne im Krankenhaus, das hat vom Rest keiner getan, die blieben alle nur 20 Minuten. 20 Minuten, das ist weniger als die reine Fahrzeit, die sie zum Krankenhaus brauchten. Schöne heile Familienwelt, ich kann gar nicht soviel essen wie ich kotzen möchte, wenn ich an die Heuchelei denke. Klingt hart? Soll auch hart klingen, ich hab die Heuchelei satt! Alle machen auf heile Familie, aber keiner hat es nötig, sich richtig von Opa zu verabschieden – im Gegenteil, der baldige Tod des Vaters wird fleissig ausgenutzt, um alte Zwistigkeiten zu erhöhen. Da wird der einen Schwester gar nicht erst Bescheid gesagt, weil „man ja nicht mehr miteinander rede“. Meine kleine Schwester hat Geldsorgen, sie überlegt, wo sie das Geld hernehmen soll, um aus Hamburg nach Hause zu kommen, damit sie bei der Beerdigung dabei ist. Ich mag gar nicht an das Gerede denken, wenn sie es nicht schafft, dann ist sie (mal wieder) das schwarze Schaf der Familie, nach den Hintergründen wird da nicht gefragt.

Schöne heile rosarote Familienwelt…

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