Korrektur & „Stellungnahme“

Scheinbar haben sich in die Biographie meines Opas ein paar faktische Fehler eingeschlichen – seine Mutter hieß nicht Monika, sondern Agnes, und er war nicht in der Besatzungsarmee sondern diente regulär in der deutschen Wehrmacht. Wer mehr Infos über meinen Opa hat, der kann sie mir gern zukommen lassen (mail-adresse findet man im Impressum), ich werd dann mal versuchen, seine Geschichte zu rekonstruieren 🙂

Hingegen werde ich nicht dementieren, das er ein schweres Alkoholproblem hatte, dazu stand ich als Jugendliche einfach zu oft in unserer Garage um seine Verstecke auszuräumen. Gut, ich hätte es netter ausdrücken können als „er war ein Säufer“ aber ich bin damit aufgewachsen, offen mit diesem Thema umzugehen (Kunststück, bei 2 Alkoholikern in der Familie) und ich werde den Te*fel tun, jetzt so zu tun als ob alles in Ordnung gewesen wäre – das war es nämlich nicht. Wenn ich sage, er war ein Trinker, dann ist das überhaupt nicht böse gemeint, sondern schlicht die Wahrheit. Und wenn ich sage, seine Familie hat sich nicht so um ihn gekümmert, wie sie es gemusst hätte, dann nehme ich mich davon keineswegs aus – ich hab auch nicht genug Zeit mit meinem Opa verbracht und das tut mir heute leid.

Ich denke, die Leute, für das jetzt geschrieben ist, werden sich angesprochen fühlen – wenn nicht ist das nicht mein Problem.

Und mehr werde ich dazu nicht sagen, die Woche war schlimm genug.

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Familie

mein Opa spielte gern Mundharmonika. Das fiel mir grad wieder ein, als ich in seinem zimmer stand und das Foto von ihm an der Wand gesehn habe. Auf dem Bild spielte er Mundharmonika und guggte fröhlich indie Kamera. Jetzt liegt er schlafend in seinem Bett. Wenn er die Augen aufmacht, ist sein blick glasig. Ich hab das Gefühl, sein Geist ist schon weg, nur die Hülle, sein Körper, der ist noch da. Als der Arzt meiner Mama gesagt hat, das sie meinen Opa mit nach hause nehmen dürfte, hat sie vor Freude gelacht. Sie hat meinem Opa nämlich das Versprechen gegeben, das er zu Hause in seinem eigenen Bett sterben darf. Als meine Mama dann meinem Opa erzählt hat, das sie seinen Wunsch erfüllen dürfe, das er wieder nach Hause kommt, hat er sich aufgerichtet, sie angesehen und „ja“ gesagt. Ich glaube, das war das letzte Mal, das mein Opa gesprochen hat – jetzt kann er in Frieden sterben, in seinem Bett, in seinem Zimmer, wo an der Wand all die Fotos hängen, von den Menschen, die seine Familie sind. Ich hab mich vorhin von ihm verabschiedet, ich glaube nicht, das mein Opa das nächste Wochenende erleben wird.

Gestern habe ich mich noch länger mit meinen Eltern unterhalten – wie war Opa? Und wie war seine Frau? Ich hab meine Oma leider nie kennen lernen dürfe, sie starb zwei Jahre vor meiner Geburt. Oma Hermine muss eine herzensgute Frau gewesen sein, ein Mensch, der alles für seine Familie gegeben hat, und nie etwas für sich selbst wollte. Mein Opa ist 1926 in Polen geboren worden, meine kleine Schwester erzählte, das seine Mutter Monika hieß. Weil sie aber viel arbeiten musste, wuchs mein Opa bei seinen Großeltern auf, in den Bergen, auf einem kleinen Bauernhof, ähnlich wie Heidi. Als Hitler dann Polen einnahm, kam mein Opa in ein Arbeitslager. Er war ein paar Jahre da, bis Polen befreit wurde. Nach Kriegsende war mein Opa einer von der Besatzungsarmee, die in Deutschland stationiert wurde. Mein Papa erzählte, das Opa es nicht leicht hatte – er war erst einer der Soldaten, die immer Zigaretten und Schnaps und Frauen hatten. Eine tolle Uniform muss er gehabt haben. Dann lernte er meine Oma kennen, die daraufhin als „Besatzer-flittchen“ beschimpft wuwrde in ihrem Dorf. Er war ja der Feind, wie konnte sie es wagen, sich ihn so einen zu verlieben? Sie bekam sogar ein Kind von ihm! Mein Opa blieb also in Deutschland und als dann das zweite Kind unterwegs war, heirateten er und Oma Hermine. Oma Hermine schlug es vor, deinn mein Opa sollte ausgewiesen werden. Finanzielle Schwierigkeiten zogen sich wie ein roter Faden durch ihr Leben – mein Opa war ein Säufer, und das wenige, was er mit den Handlangerjobs, die er machte, verdiente (andere Arbeit bekam er nicht, als „der Pole, der nicht mal richtig Deutsch konnte“) ging vermutlich zum größten Teil für Alkohol drauf.

Mehr weiß ich nicht, außer das die zwei einen Stall voller Kinder bekamen, von denen sich jetzt keiner außer meinen Eltern so richtig um meinen Opa kümmert. Meine Patentante war immerhin mehr als drei Stundne im Krankenhaus, das hat vom Rest keiner getan, die blieben alle nur 20 Minuten. 20 Minuten, das ist weniger als die reine Fahrzeit, die sie zum Krankenhaus brauchten. Schöne heile Familienwelt, ich kann gar nicht soviel essen wie ich kotzen möchte, wenn ich an die Heuchelei denke. Klingt hart? Soll auch hart klingen, ich hab die Heuchelei satt! Alle machen auf heile Familie, aber keiner hat es nötig, sich richtig von Opa zu verabschieden – im Gegenteil, der baldige Tod des Vaters wird fleissig ausgenutzt, um alte Zwistigkeiten zu erhöhen. Da wird der einen Schwester gar nicht erst Bescheid gesagt, weil „man ja nicht mehr miteinander rede“. Meine kleine Schwester hat Geldsorgen, sie überlegt, wo sie das Geld hernehmen soll, um aus Hamburg nach Hause zu kommen, damit sie bei der Beerdigung dabei ist. Ich mag gar nicht an das Gerede denken, wenn sie es nicht schafft, dann ist sie (mal wieder) das schwarze Schaf der Familie, nach den Hintergründen wird da nicht gefragt.

Schöne heile rosarote Familienwelt…

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Übers WE dicht

wie schreibt man sowas, ohne das man in den verdacht gerät, das jetzt nur wegen mehr klicks und mehr kommentaren zu bloggen? Tod ist halt ein heikles thema. Aber ich blogge ja nicht, damit es möglichst viele Leute lesen – also nicht nur jedenfalls, ich blogge, weil Schreiben für mich ein Ventil ist, um mit mir selbst, der Welt und meinen Gefühlen umgehen zu können.

Ich hab heute morgen einen anruf bekommen, von meiner schwester, das mein opa im sterben liegt. nun, mein opa ist ein alter mann, und er liegt schon länger im sterben (ja ich weiß wie das klingt, aber sarkastisch werden ist nun mal meine art, mit schocks umzugehen, verd*mmt)

Schon Anfang Februar wussten wir, das mein Opa Darmkrebs hat – und das der Krebs nicht operiert werden kann. Er saß an einer mehr als ungünstigen Stelle.  Anfang Februar – eigentlich lassen einem 6 Monate doch genug Zeit, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen. Eigentlich sollte ich doch nicht so geschockt sein, das mein Opa jetzt im Krankenhaus auf den Tod wartet. Zumal er seit ein paar Tagen die Nahrung verweigert hat – richtig ins Gesicht gespuckt hat er meiner Mama das Essen. Wie gesagt, mein Opa ist stur. Und wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat, dann schafft er es auch 🙁

Ich bin hin und hergerissen. Ich war geschockt, ich bin traurig – oder bin ich das eher aus Pflichtgefühl? Ich bin harmoniesüchtig, und das schließt Familie mit ein – also wird auch um meinen Opa getrauert, ob ich will oder nicht? Gnah, ich red Unsinn! Fakt ist, ich kenne meinen Opa kaum – ich hab ihn als mürrischen alten Mann kennen gelernt, der gern zu tief ins Glas geguggt hat (er war ein Säufer, um es genau zu sagen, meine Mutter hat ihn dann von der Flasche weggeholt). Mein Opa war nie ein Märchenopa, und er wird es nie werden. Er hat nie viel von früher erzählt, teilweise, weil er sich nicht erinnern konnte, teilweise, weil er es sicher nicht wollte – ich würde auch nicht freiwillig über meine Zeit im Arbeitslager der NSD*P reden wollen, wenn ich Pole wäre.

Ich hätte Zeit gehabt, ihm näher zu kommen, ein halbes Jahr – aber ich habs net getan. Und nun werd ich nicht mehr die Zeit haben, meinen Opa kennen zu lernen.

Mein Blog ist übers WE geschlossen, wenn ich ihn schon nicht kennen gelernt habe, dann kann ich mich wenigstens vernünftig von ihm verabschieden.

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